JEAN-MARC BIRKHOLZ IST „WINNETOU I“

ODER: DIE RUHE VOR DEM STURM…

Du zählst vielleicht schon die Tage bis zur Premiere in Elspe. Am kommenden Samstag startet die neue Saison und damit die schönste Zeit des Jahres. Die Tickets liegen bereit, die Vorfreude steigt und die Frage, wie „Winnetou I“ auf die Bühne gebracht wird, beschäftigt nicht nur eingefleischte Karl-May-Fans! Hinter den Kulissen laufen die Vorbereitungen seit Wochen auf Hochtouren. Es wurde geprobt, gebaut, geplant und organisiert. Jetzt läuft der Countdown. Während auf der Naturbühne die letzten Handgriffe sitzen müssen und die Spannung von Tag zu Tag wächst, wirkt der Kurpark in Saalhausen wie eine andere Welt. Enten ziehen ihre Bahnen über den Teich, die Bäume spenden Schatten und vom Premierenfieber ist hier kaum etwas zu spüren… Genau hier treffe ich Jean-Marc Birkholz wenige Tage vor dem Saisonstart – sozusagen in der Ruhe vor dem Sturm. Schon bald wird er wieder als Winnetou vor tausenden Zuschauern auf der Naturbühne stehen. Noch aber bleibt Zeit für ein Gespräch, bevor sich in Elspe der Vorhang für einen neuen Karl-May-Sommer hebt:

Für mich ist die Bühne in dem Moment das Leben

Jean-Marc, zwischen Thailand, Theaterproben und Elspe liegen ja manchmal ganze Welten. Du hast zuletzt unter anderem für „Land of Smiles“ auf Koh Samui gedreht. Gab es einen Moment dort, der dir besonders im Kopf geblieben ist – vielleicht auch, weil er so weit entfernt von der Winnetou-Welt war?

Es sind immer und überall die Menschen, die den ersten Eindruck eines anderen Landes bei mir hinterlassen. Dann die Natur. Ist dieser Eindruck gut, zieht er sich durch jede weitere Begegnung oder Entdeckung. Ich habe es bestimmt schon oft gesagt, aber die Begegnung mit den Menschen in Thailand gehört neben der überwältigenden Natur ganz sicher zu den beeindruckendsten Erlebnissen, die ich bisher hatte. Es hat seinen Grund, dass es das “Land of Smiles” genannt wird. Ich habe diesmal auf Koh Samui Zeit gehabt, ein Rehabilitationszentrum für Elefanten zu besuchen. Dort haben die Tiere die Möglichkeit, sich von den Strapazen und Quälereien der Menschen zu erholen, die ihnen im Laufe ihres Lebens zugefügt wurden. Als ich in die Augen einer Elefantenkuh schaute, die so alt wie meine Mutter ist, kullerte mir eine Träne über das Gesicht. Wenn ein Tier ohne Zwang vertraut, ist das ein wunderschönes Gefühl.

Thailand, Filmdrehs und Besuche bei deiner Frau Valentina in Polen, Berlin und Sauerland, Naturbühne Elspe – du bewegst dich ständig zwischen ganz unterschiedlichen Kulturen und Geschichten. Hast du das Gefühl, dass Reisen und fremde Orte dich als Schauspieler verändern?

Ja, das tun sie. Von Momenten tiefsten Glücks zu Momenten des Leids sind es manchmal nicht viele Schritte. All das zu sehen und mitzuerleben, formt mich. Es zeigt mir immer wieder, wie vergänglich jeder Moment ist und wie albern es ist, sich selber wichtig zu nehmen. Ich bin sehr gerne unterwegs. Wenn ich für längere Zeit an einem Ort sein müsste, fühle ich mich, als würde ich verdorren.

Nach der letzten Elspe-Saison hast du mit Valentina „Sommersonnenwende“ auf die Bühne gebracht, ein sehr persönliches Programm, das viele autobiografische Bezüge enthält. Wie fühlt es sich an, eine Geschichte zu erzählen, in der auch eure eigene Lebensrealität mitschwingt?

Es war für uns beide etwas sehr Besonderes. Wir haben schon viele Male Geschichten von anderen auf Bühnen erzählt. Die eigene Geschichte zu erzählen ist etwas anderes. Man muss sich nackt machen und seine Erinnerungen wieder aufbereiten. Das kann manchmal schmerzhaft sein, aber genauso auch lustig. Beim Schreiben unserers Programmes flossen oft Tränen – der Freude und der Traurigkeit.

Du wirkst oft wie jemand, der sich nicht mit Oberflächlichkeiten zufriedengibt. Suchst du inzwischen bewusst nach Projekten, die auch gesellschaftlich oder menschlich etwas erzählen wollen?

Beim ersten Teil der Frage gebe ich dir recht. Oberflächlichkeiten nerven mich leider schnell. Dabei sind sie ein wichtiges soziales Bindeglied. Was die Projekte angeht, muss ich begeistert und berührt sein. Irgendetwas muss mich an der Geschichte ansprechen. Wenn das Filmen dann auch mit Reisen verbunden ist, ist auch das ein Kriterium für mich.

Dieses Jahr wird in Elspe „Winnetou I“ gespielt, du spielst zunächst den jungen Winnetou – also gewissermaßen den Menschen, bevor er zur Legende wird. Wie verändert dieser Blick auf den jüngeren Winnetou deine eigene Sicht auf die Figur?

Naja, auch wenn Winnetou schon fast ein Übermensch ist, so wird man ja nicht geboren. Das Leben formt einen. Und ich versuche, einen Winnetou zu zeigen, der durch seine Lebensumstände, Begegnungen, Enttäuschungen und den Glauben an das Gute seinen Weg findet.

„Winnetou I“ erzählt viel vom Werden einer Persönlichkeit. Wenn du heute auf deinen eigenen Weg schaust – welche Eigenschaften musste Jean-Marc Birkholz erst lernen, um der zu werden, der er heute ist?

Ganz klar: Geduld und Gelassenheit. Und vielleicht noch mehr als das: Meine eigenen Wünsche nicht vorne anzustellen. Denn das habe ich gelernt, wenn ich mich auf mein Gegenüber einlasse und mich treiben lasse, sind so oft die schönsten Erlebnisse entstanden. Weil sie nicht vorhersehbar waren.

Du schlüpfst dieses Jahr in ein neues Kostüm. Hilft dir ein Kostüm dabei, eine Rolle zu finden, oder entsteht die Figur zuerst im Kopf?

Bei mir entsteht die Figur im Kopf. Ein Kostüm ist nur noch der letzte Schliff.

Winnetou und Tiere gehören irgendwie untrennbar zusammen. Mit deinem Pferd Kuba verbindet dich längst Vertrauen – aber wie baut man eigentlich eine Verbindung zu einem majestätischen Tier wie dem Weißkopfseeadler Milow auf?

Das kann ich nicht sagen. Ich habe einfach keine Angst vor ihm. Ich freue mich jeden Tag darauf, ihn zu sehen und genieße den Moment, wenn ich sein Anflugplatz bin.

Wenn Milow auf deinem Arm landet, muss alles auf den Punkt stimmen. Ist das eher pure Konzentration oder vergisst man in so einem Moment kurz die ganze Bühne um sich herum und genießt die Begegnung mit dem Tier?

Ich bin mit meinen Gedanken ganz bei ihm. Das bin ich bei allen anderen Dingen auch. Für mich ist die Bühne, in dem Moment, in dem ich auf ihr spiele, das Leben.

Mit Thomas Koziol steht dieses Jahr ein neuer Old Shatterhand an deiner Seite. Das Verhältnis zwischen den Blutsbrüdern lebt ja enorm von Vertrauen und Chemie. Wann merkt man bei Proben zum ersten Mal: „Das funktioniert wirklich zwischen uns“?

Thomas ist eine Seele von Mensch. Er macht es seinen Mitmenschen sehr leicht, ihn zu mögen. Es gibt aber auf der Bühne diesen Moment der ersten Begegnung. Es ist anfangs nur ein Blick. Aber es fühlte sich an, als würde ich in den Spiegel schauen.

Jede Winnetou-Old-Shatterhand-Konstellation hat wahrscheinlich ihre ganz eigene Energie. Wie würdest du die gemeinsame Dynamik zwischen dir und Thomas beschreiben?

Der Blick in den Spiegel beschreibt es schon ganz gut. Wir ticken sehr ähnlich. Das kann man nicht spielen.

Das neue Bühnenbild soll spektakulär sein. Gab es einen Moment bei den ersten Proben, in dem du dachtest: „Wow, das wird dieses Jahr wirklich besonders“?  

Ja, als ich es das erste Mal sah…

Die Zuschauer kennen dich inzwischen seit vielen Jahren als Winnetou. Spürst du manchmal, dass die Menschen nicht nur die Figur wiedersehen wollen, sondern auch „ihren“ Jean-Marc?

Ja, ich glaube, bei einigen ist das so. Wenn ich einen Bad Guy im Film spiele, heißt es oft: „Nein, das ist nicht unser Winnetou.“

Nächstes Jahr gehst du mit „Old Shatterhand unter Kojoten“ auf Deutschlandtournee. Wie spannend ist es für dich, die Karl-May-Welt einmal in einer ganz anderen Form zu erleben – nicht auf der großen Freilichtbühne, sondern als Live-Hörspiel?

Da ich selber schon viele Live-Lesungen gemacht habe und es immer mochte, freue ich mich auf diese besondere Form mit so vielen tollen Kollegen schon sehr.

Mit Hardy Krüger Jr., Luna Schweiger, Volker Zack und den anderen steht beim Live-Hörspiel eine ziemlich spannende Mischung unterschiedlichster Persönlichkeiten mit dir auf der Bühne. Worauf freust du dich besonders?

Auf alle, auch die nicht erwähnten… Besonders wird es für mich sein, im Admiralspalast in Berlin aufzutreten und im Alten Schlachthof Dresden. Dort habe ich selber schon viele Konzerte gesehen. Berlin ist ja nun mal Stadt, in der ich die ersten 25 Lebensjahre verbracht habe. Danach kam direkt Dresden. So gesehen eine Reise in die Vergangenheit und die Erinnerungen. Für irgendjemanden werden wir dort auch welche schaffen.

Vielleicht hast du dein Ticket schon längst in der Tasche. Vielleicht überlegst du noch, ob sich ein Besuch lohnt. Nach diesem Gespräch mit Jean-Marc Birkholz kann ich nur sagen: Die Vorfreude auf die neue Saison ist spürbar. Nicht nur bei den Fans, sondern auch bei den Menschen, die Woche für Woche auf und hinter der Bühne dafür sorgen, dass Elspe für viele zu einem der Höhepunkte des Sommers wird – eben zu einer echten Erinnerung. Ab Samstag ist das Warten vorbei. Dann öffnet sich wieder der Vorhang für einen neuen Karl-May-Sommer und für viele unvergessliche Momente unter freiem Himmel. Ich würde sagen: Wir sehen uns in Elspe!

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Das Foto mit dem Elefanten wurde mit freundlicher Unterstützung von Jean-Marc Birkholz zur Verfügung gestellt.

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