HISTORISCHE TOMATEN BEI „BLUMEN WICKER“

ODER: WIE TOMATEN WIEDER NACH TOMATEN SCHMECKEN…

Du schneidest eine Tomate auf, legst sie aufs Brot und freust dich auf den ersten Bissen. Doch statt eines intensiven Aromas schmeckt sie irgendwie nur nach Wasser. Kommt dir das bekannt vor? Viele Tomaten aus dem Supermarkt sehen zwar makellos aus, doch der Geschmack bleibt oft auf der Strecke. Dabei kann eine Tomate so viel mehr sein. Süß, fruchtig, würzig, manchmal sogar mit einer feinen Zitrusnote oder einem Hauch von Pflaume – jede Sorte erzählt ihre ganz eigene Geschichte… Genau diese Vielfalt hat Barbara Schmidt aus Finnentrop-Fretter für sich entdeckt. In ihren Gewächshäusern wachsen keine gewöhnlichen Tomaten, sondern historische Sorten, die du im Supermarkt vergeblich suchst. Knallgelb, fast schwarz, gestreift, herzförmig oder so klein wie eine Kirsche – jede einzelne überrascht mit ihrem ganz eigenen Geschmack. Mit viel Geduld sammelt, erhält und vermehrt sie alte Sorten, damit sie nicht in Vergessenheit geraten:

Zwischen Blumen und Vogelgezwitscher

Wenn du das Gelände von „Blumen Wicker“ betrittst, merkst du schnell, dass hier viel Geschichte steckt. Barbara ist praktisch zwischen Blumen und Gewächshäusern groß geworden. Vor rund 60 Jahren gründete ihr Vater die Gärtnerei in Fretter. Bis heute gehören zwei große Gewächshäuser, ein Verkaufsraum und der Werkraum, in dem jahrzehntelang unzählige Sträuße gebunden wurden, zu diesem besonderen Ort.

Barbara selbst ist gelernte Floristin und hat die Gärtnerei 24 Jahre lang geleitet – bis zum Mai dieses Jahres. Wenn du ihr heute zuhörst, merkst du schnell, dass Pflanzen für sie nie einfach nur Arbeit waren. Sie sind ein Teil ihres Lebens.

Und dann gibt es da noch eine zweite große Leidenschaft. Schon seit der ersten Klasse und einem Urlaub in Oberstdorf begleiten Barbara farbenfrohe Vögel. In den großen Volieren im Gewächshaus leben zehn Zebrafinken, zwei Nymphensittiche und rund zwanzig Wellensittiche. Bis auf die Elterntiere sind alle in Fretter geschlüpft.

Du hast recht – eigentlich bist du heute wegen der Tomaten hier. Aber spätestens wenn dich das fröhliche Zwitschern durch das Gewächshaus begleitet, wirst du verstehen, warum Barbara auch für ihre gefiederten Mitbewohner schwärmt:

Nur rot war gestern

Dass Barbara heute historische Tomaten züchtet, begann mit einer großen Enttäuschung: Vor etwa acht Jahren sorgte die Krautfäule deutschlandweit für große Probleme. Fast alle Tomatenpflanzen gingen ein – auch die modernen Hochleistungssorten in ihrem Gewächshaus. Statt einfach dieselben Pflanzen wieder zu kaufen, begann Barbara zu suchen. Und sie fand eine völlig neue Welt.

Im Internet bestellte sie Samen historischer Tomatensorten und war sofort fasziniert. Plötzlich eröffneten sich Hunderte Möglichkeiten. Unterschiedlichste Farben, Formen und Geschmacksrichtungen. Wenn du glaubst, Tomaten seien immer rot und rund, wirst du hier ganz schnell eines Besseren belehrt. Anfangs kultivierte Barbara rund 40 Sorten. Inzwischen hat sie ihre Auswahl auf etwa 20 reduziert – genau die, die sie geschmacklich und im Anbau am meisten überzeugen.

Für Barbara beginnt das Tomatenjahr schon im Februar. Dann wird ausgesät, pikiert, eingetopft und später ausgegeizt. Rund 1.000 Pflanzen begleitet sie jedes Jahr auf ihrem Weg. Während wir den Winter oft noch auf dem Sofa verbringen, beginnt für Barbara längst die neue Tomatensaison. Fast täglich ist sie im Gewächshaus unterwegs und beobachtet jede Veränderung. Besonders gespannt wartet sie immer auf das zweite Blattpaar. Erst dann zeigen die kleinen Pflänzchen ihre typisch gezackten Blätter.

Jede Pflanze bekommt ein kleines Holzschild. Denn wenn die Tomaten noch jung sind, sehen sie sich zum Verwechseln ähnlich. Ohne Beschriftung wäre kaum zu erkennen, welche Sorte gerade vor dir steht. Barbara braucht diese Schilder irgendwann gar nicht mehr. Sobald die Pflanzen Früchte tragen, erkennt sie jede einzelne Sorte auf den ersten Blick. Stell dir das einmal vor – während wir oft schon im Supermarkt überlegen müssen, welche Tomaten wir kaufen, erkennt Barbara jede ihrer Pflanzen wie eine gute Bekannte wieder. Ihre Lieblingssorte heißt „Montserrat“. Sie erinnert mit ihrer Form fast an einen flachen Kürbis. Überhaupt tragen viele historische Tomaten ihre Namen wegen ihres außergewöhnlichen Aussehens.

Inzwischen gewinnt Barbara ihr Saatgut selbst. Das funktioniert, weil historische Tomaten samenfest sind. Anders als viele Hybridsorten aus dem Supermarkt lassen sie sich problemlos weiter vermehren. Das Schöne daran ist, dass auch du diese Sorten weiterleben lassen kannst. Im Herbst entnimmt Barbara die Samen aus den reifen Früchten, entfernt das Fruchtfleisch, lässt sie trocknen und bewahrt sie sorgfältig auf. So bleiben sie über viele Jahre keimfähig. Gerade das begeistert sie besonders. Aus einer einzigen Tomate kann wieder eine neue Pflanze entstehen. Und daraus viele weitere.

Wenn du glaubst, für gesunde Tomaten brauche es unzählige Spritzmittel, wirst du bei Barbara schnell eines Besseren belehrt. In all den Jahren musste sie ihre historischen Sorten nicht ein einziges Mal spritzen. Zwischen den Tomaten wachsen Basilikum, Kapuzinerkresse und Studentenblumen. Die Pflanzen unterstützen sich gegenseitig und schaffen ein natürliches Gleichgewicht. Dazu kommen Wasser und Naturdünger – mehr braucht es nicht.

Natürlich haben historische Sorten auch einen kleinen Nachteil. Sie tragen meist weniger Früchte als moderne Hochleistungssorten. Aber mal ehrlich – was bringt dir ein ganzer Korb voller Tomaten, wenn sie kaum Geschmack haben? Barbara setzt lieber auf weniger Früchte. Dafür begeistert dich jede einzelne mit einem Aroma, das dich schon beim ersten Biss in dein Tomatenbrot überraschen wird.

Der diesjährige Sommer spielt den Tomaten grundsätzlich in die Karten. Die vielen Sonnenstunden sorgen für intensiven Geschmack. Selbst die heißen Tage mit knapp 40 Grad konnten den Pflanzen nicht viel anhaben. Nur einige Blüten sind verbrannt.

Damit der Boden möglichst lange feucht bleibt, deckt Barbara ihn mit Kälberstroh ab. So verdunstet deutlich weniger Wasser. Gegossen wird alle zwei bis drei Tage. Und dann verrät sie mir noch etwas, das ich so noch nie gehört hatte: Barbara sagt, Tomaten hätten ein Gedächtnis. Sie gewöhnen sich daran, wann sie Wasser bekommen. Deshalb solltest du sie möglichst regelmäßig gießen und nicht heute ganz viel und dann tagelang gar nicht.

Wenn du selbst historische Tomaten ausprobieren möchtest, kannst du die Pflanzen jedes Jahr im Mai bei Barbara kaufen. Während der Erntezeit verkauft sie natürlich auch die Früchte. Allerdings fallen sie in diesem Jahr etwas seltener aus. Nach einer Knieoperation konnte Barbara nicht ganz so viele Pflanzen ziehen wie sonst.

Trotzdem sollst du nicht leer ausgehen. Wenn du Lust hast, Barbara kennenzulernen und einmal zwischen all den historischen Sorten zu stehen, kannst du nach Terminabsprache vorbeikommen. Gemeinsam schlendert ihr durch die Gewächshäuser, fachsimpelt über Tomaten, und natürlich gehst du nicht mit leeren Händen nach Hause. Eine Tomate wird Barbara ganz bestimmt für dich haben – nicht nur zum Genießen, sondern vielleicht auch, damit du daraus dein eigenes Saatgut gewinnst.

Denn genau darum geht es Barbara. Historische Tomaten sind für sie viel mehr als ein Hobby. Sie sind ein Stück Kulturgeschichte. Sie stehen für Vielfalt, Widerstandsfähigkeit und für Geschmäcker, die über Generationen weitergegeben wurden. Die Industrie legt darauf längst keinen besonderen Wert mehr. Umso wichtiger ist es, dass Menschen wie Barbara diese alten Sorten bewahren. Denn wenn eine Sorte einmal verschwindet, kommt sie nicht einfach zurück. Und vielleicht schmecken Tomaten heute oft nur noch nach Wasser, weil wir viel zu lange vergessen haben, wie eine richtige Tomate eigentlich schmecken kann.

Blumen Wicker, Barbara Schmidt, Josef-Quinke-Straße 22, 57413 Finnentrop-Fretter

https://blumen-wicker.de/

https://www.instagram.com/blumen.wicker

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