ODER: ZWISCHEN FLUTLICHT UND BLAULICHT…
Familienfeste im Sauerland sind eine tolle Sache! Da feiert man den 70. Geburtstag der Tante in einer Schützenhalle, lernt den Freund der Cousine kennen und stellt fest, dass dieser Mann nicht nur sympathisch Smalltalk beherrscht, sondern ganz nebenbei auf den größten Fußballbühnen der Welt an der Linie steht und dort über Zentimeter entscheidet, die Millionen bewegen… Da sitzt man zusammen, kommt ins Gespräch und merkt, dass hinter den ruhigen Erzählungen eine Welt steckt, die sonst nur aus dem Fernsehen bekannt ist. Spiele unter Flutlicht, Entscheidungen im Bruchteil einer Sekunde, Momente, in denen ein gehobener Arm ganze Stadien verstummen lässt. Und gleichzeitig ein Alltag, der wenig mit Glamour zu tun hat, sondern mit Verantwortung, Disziplin und klaren Regeln. Und je länger man zuhört, desto klarer wird, dass hier jemand erzählt, der beides kennt – die große Bühne des internationalen Fußballs und die Bodenständigkeit, die man im Sauerland schnell zu schätzen lernt. Und dann wird aus einer interessanten Plauderei plötzlich ein spannendes Interview, passend zum heutigen Start der WM:
Entscheidungen müssen getroffen werden
Mark, wie bist du eigentlich Schiedsrichterassistent geworden – war das ein Plan oder eher ein Zufall, der dann immer größer wurde?
Ich bin Schiedsrichter geworden, nachdem ich in meiner Jugend selbst Fußball und später Tennis gespielt habe. Dann war ich zwei Jahre in Folge verletzt – erst an der Hand, dann am Fuß – und konnte meinen Tennissport nicht mehr ausüben. Also habe ich mich nach einem neuen Hobby umgeschaut. Da ich schon immer am Fußball interessiert war, bin ich auf die Schiedsrichterei gestoßen. Die Gemeinschaft und die Herausforderung haben mir sehr viel Spaß gemacht – und deshalb bin ich dabeigeblieben.

Viele träumen davon, auf dem Platz zu stehen – du stehst an der Linie: Was hat dich genau an dieser Rolle gereizt?
Zunächst habe ich ja auch selbst auf dem Platz gestanden und war aktiver Schiedsrichter. Am Anfang ist es so, dass man beide Funktionen ausübt – also sowohl Schiedsrichter als auch Assistent. Bei mir war es so, dass ich als Assistent immer einen Tick besser war und dadurch ein bis zwei Klassen höher eingesetzt wurde. Nachdem ich vier Jahre in der dritten Liga gepfiffen hatte, bekam ich die Möglichkeit, FIFA-Assistent zu werden. Die Voraussetzung war, dass ich als Schiedsrichter aufhöre, um mich vollständig auf die Rolle als Assistent zu konzentrieren. Diese Entscheidung habe ich rückblickend betrachtet gerne getroffen.
Du stehst selten im Mittelpunkt – und bist doch oft näher dran als alle anderen: Bist du als Schiedsrichterassistent eigentlich der „letzte Wahrheitszeuge“ eines Spiels?
Mittlerweile ist es eher der Video-Schiedsrichter – oder die Sportschau um 18 Uhr und damit die Öffentlichkeit. Aber Scherz beiseite: Jedes Teammitglied trägt zur Wahrheitsfindung bei, die einzelnen Puzzleteile werden zusammengesetzt. Die Verantwortung trägt am Ende der Schiedsrichter.



Du bist Erster Kriminalhauptkommissar und Schiedsrichterassistent auf Topniveau: Sind das zwei völlig unterschiedliche Welten – oder überraschend ähnliche Rollen?
Das sind tatsächlich sehr ähnliche Rollen. Es gibt wenig, was ich so oft vergleiche wie die Polizei und die Schiedsrichterei – da gibt es viele Parallelen. In beiden Funktionen übe ich, wenn man so will, das Gewaltmonopol aus. Ich treffe Entscheidungen, mit denen nicht jeder einverstanden ist, die aber akzeptiert werden müssen. In beiden Bereichen gehört meiner Ansicht nach aber auch eine große Selbstreflexion dazu, um sich weiter verbessern zu können. Und auf die Frage bezogen hilft dieses Wechselspiel auch in den jeweils anderen Tätigkeitsbereichen.

Hat dich dein Polizeiberuf ruhiger gemacht in hitzigen Spielsituationen – oder eher noch konsequenter?
Eher ruhiger als konsequenter. Konsequenz braucht man in beiden Rollen. Ich glaube aber, dass man als Polizeibeamter durch Ausbildung und Erfahrung viel Ruhe, Disziplin und Selbstreflexion mitbringt – und das ist für die Tätigkeit auf dem Platz sehr hilfreich.

In beiden Rollen stehst du für Ordnung, wirst aber selten geliebt, wenn du sie durchsetzt: Wie gehst du damit um, Entscheidungen zu treffen, die andere – in dem Fall ein ganzes Stadion – nicht hören wollen?
Das gehört zur Rolle dazu. Ich agiere in meiner Funktion – nicht als Privatperson. Ich wünsche mir, dass teils aufkommende Kritik sich stärker auf die Rolle bezieht und nicht persönlich wird. Entscheidungen müssen getroffen werden, und es ist normal, dass sie kritisiert werden – vor allem dann, wenn sie nicht im eigenen Interesse ausfallen.

Abseitsentscheidungen fallen in Sekundenbruchteilen: Trainierst du dafür eher deinen Blick oder dein Vertrauen in die eigene Intuition?
Beides. Der Blick muss geschult sein – dazu gehört das richtige Stellungsspiel und die körperliche Fitness. Gleichzeitig spielen Erfahrung und ein gewisses Bauchgefühl eine große Rolle. Nach 25 Jahren kann ich sagen: Diese Kombination ist entscheidend.

Du warst bei Turnieren wie der U21-Europameisterschaft 2011, den Olympischen Spielen in London 2012, dem Confederations Cup 2013, der FIFA-Weltmeisterschaft in Brasilien 2014, der Europameisterschaft in Frankreich 2016, der Weltmeisterschaft in Russland 2018 und der Europameisterschaft 2021 im Einsatz: Fühlt sich so ein Spiel anders an – oder darf es sich genau das, nämlich anders, nicht anfühlen?
Solche Spiele fühlen sich definitiv anders an. Der Druck ist größer, die Spannung höher, auch die Vorbereitung ist intensiver. Früher gab es zudem keinen Video-Schiedsrichter als Sicherheitsnetz – wir waren komplett auf unsere Wahrnehmung angewiesen. Und ja, diese Spiele dürfen sich auch besonders anfühlen. Die Vorfreude, das Glücksgefühl nach einem gelungenen Einsatz – und allein schon die Nominierung – das ist eine große Auszeichnung.

Heute startet die WM. Hat sich dein Blick auf solche Turniere verändert, seit du selbst Teil dieser Bühne warst?
Ja, weil ich heute weiß, was es bedeutet, für so ein Turnier nominiert zu werden und was hinter den Kulissen passiert. Es hängt nicht ausschließlich von der eigenen Leistung ab, viele weitere Faktoren spielen eine Rolle. Ich freue mich darauf, die Spiele diesmal erneut als Zuschauer erleben zu dürfen. Ich fliege mit meiner Freundin Natascha nach Kanada und in die USA, um einige Partien zu sehen und das mit einem Urlaub zu verbinden – und natürlich fiebere ich mit den Kollegen auf dem Platz mit. Durch die Teilnahme an solchen Turnieren sind, neben dem sportlichen Reiz und Erfolg trotz möglicher Konkurrenzsituationen, viele Freundschaften entstanden. So freut es mich, wenn ich nach 14 Jahren meinen kanadischen Assistenten-Freund Joe auf ein Getränk wiedertreffe.

Du hast im Gespann mit unterschiedlichen Schiedsrichtern gearbeitet: Wie viel Blindverständnis braucht es, damit ihr ein Spiel „mit einer Stimme“ leitet? Gibt es so etwas wie einen unausgesprochenen Code zwischen euch?
Einen Code gibt es nicht. Es geht um klare Absprachen, Kommunikation und standardisierte Abläufe. Im Profibereich ist man da sehr eng abgestimmt. Vor jedem Spiel gibt es individuelle Feinjustierungen, um die Wahrnehmung zu schärfen. Wichtig ist, auch unter Stress handlungsfähig zu bleiben.

Der VAR hat vieles verändert: Fühlst du dich dadurch entlastet oder eher noch genauer beobachtet?
Beides. Einerseits nimmt er Druck, weil Fehler korrigiert werden können. Andererseits wird jede Entscheidung überprüfbar und damit auch bewertbar. Das erhöht wiederum den Druck. Trotzdem zählt am Ende die richtige Entscheidung – und dafür ist der VAR eine wichtige Unterstützung.
Früher war deine Entscheidung endgültig, heute wird sie überprüft: Hat das deinen Mut verändert, im entscheidenden Moment die Fahne zu heben?
Früher brauchte man großen Mut, um bei einem wichtigen Spiel ein Tor wegen Abseits abzuerkennen – gerade in knappen Situationen. Heute verlassen sich manche auf die Technik und lassen eher weiterlaufen. Ich persönlich bin inzwischen sogar mutiger geworden – gerade weil ich meine Entscheidung bewusst treffe, auch mit VAR im Hintergrund. Kürzlich hatte ich eine solche Situation, im Pokalhalbfinale, Stuttgart gegen Freiburg, ein knappes Abseitstor. Da habe ich in gewohnter Manier Mut bewiesen.

90 Minuten maximale Konzentration auf wenige Zentimeter: Wie schaffst du es, in der 89. Minute noch genauso wach zu sein wie am Anfang?
Das ist eine Mischung aus körperlicher und mentaler Fitness. Heute ist es weniger die körperliche Belastung, sondern vor allem die mentale. Nach einem Spiel bin ich im Kopf erschöpft. Deshalb trainiere ich gezielt auch die mentale Ausdauer – da gehören viele Dinge dazu: Körperliche Fitness, muskulär nicht zu übersäuern, richtige Ernährung, richtige Flüssigkeitsaufnahme und auch Möglichkeiten der Entspannung zu schaffen, ohne den Fokus zu verlieren.
Hast du Rituale vor einem Spiel, die dir helfen, „auf Linie“ zu sein – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn?
Nein, die habe ich ganz bewusst nicht. Rituale können auch Druck erzeugen, wenn man sie einmal nicht einhalten kann. Ich gehe fokussiert, aber möglichst locker in ein Spiel – ohne mich zu früh in einen Tunnel zu begeben. Jeder der mich kennt, wird dies bestätigen können…

Deine Partnerin kommt aus dem Sauerland, deswegen bist du öfters mal hier… Wie hast du die Region bisher erlebt?
Als sehr schön, angenehm und erholsam. Für mich ist das ein Rückzugsort mit viel Natur, Ruhe und guten Möglichkeiten zum Wandern oder Radfahren. Nachdem ich als Kind schon den Rothaarblitz im Panoramapark runter gerast bin, fahre ich heute eher mit dem Dampfer über den Biggesee oder habe mit Freunden auch schon Mountainbiketouren auf der Schanze unternommen. Den letzten Jahreswechsel haben wir in eisiger Kälte und dunkler Finsternis im Wohnmobil auf einer Höhe im Sauerland übernachtet. Eine interessante Erfahrung. Ich wusste nicht, dass es so viele Sterne gibt… Auf dem Plan steht noch der Besuch der von Nataschas Eltern hoch angepriesenen Attahöhle.

Gibt es etwas typisch Sauerländisches, das dich überrascht oder vielleicht sogar geprägt hat?
Spontan fällt mir das „Woll“ ein… Und ein isotonisches Getränk aus der Nachbarschaft meiner Freundin – eine echte „Perle der Natur“, natürlich alkoholfrei. Unterschiede habe ich auch schon bei Schützenumzügen festgestellt. Ich bin überrascht, wie viele Schützenhallen es hier gibt. Bei uns am Niederrhein baut man dafür extra Zelte auf (und wieder ab). Außerdem bin ich fasziniert von den großen Osterfeuern. Bräuche, die ich so nicht kannte.
Und mal ehrlich: Ist das Sauerland für dich eher Kontrastprogramm zum Stadionlärm – oder findest du hier eine ganz eigene Form von „Heimspiel“?
Definitiv ein Rückzugsort – wobei ich das zu Hause auch habe. Ich wohne in Mönchengladbach ebenfalls in der Natur, nah an Wäldern und Feldern. Der Unterschied: Im Sauerland gibt es Hügel – und im Winter deutlich häufiger Schnee. Aber kein großes Fußballstadion…

Und irgendwann ist das Gespräch zu Ende, die Gläser sind leer, und aus dem „Freund der Cousine“ ist jemand geworden, den man mit ganz anderen Augen sieht. Einer, der Woche für Woche Entscheidungen trifft, die im Stadion für Diskussionen sorgen – und dabei doch ruhig bleibt. Einer, der zwischen Flutlicht und Blaulicht seinen Weg gefunden hat, ohne dabei den Boden unter den Füßen zu verlieren… Vielleicht ist genau das das Faszinierende an solchen Begegnungen im Sauerland. Dass hinter einem ganz normalen Gespräch plötzlich Geschichten stecken, die größer sind, als man zunächst ahnt. Dass man Menschen trifft, die auf den größten Bühnen der Welt stehen – und trotzdem ganz selbstverständlich am Tisch sitzen. Und wenn man sich dann verabschiedet, bleibt dieses Gefühl, einen kleinen Blick hinter die Kulissen bekommen zu haben. Und die Gewissheit, dass beim nächsten Spiel im Fernsehen der Blick vielleicht ein anderer ist – ein bisschen aufmerksamer, ein bisschen näher an der Linie…

Zwar hat Mark seine aktive Karriere als Schiedsrichter-Assistent am 23. Mai mit der Partie Bayer 04 Leverkusen und dem Hamburger SV beendet, aber ich bin mir sehr sicher, dass er dem Fußball – und noch viel wichtiger: der Familie – erhalten bleiben wird!
Die Fotos mit Ausnahme des vorletzten Bildes wurden mit freundlicher Unterstützung von Mark Borsch zur Verfügung gestellt.

Sehr schön geschrieben!
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Vielen lieben Dank – das freut mich!
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