MARIE HOFFMANN UND DIE LIEBE ZUR LANDWIRTSCHAFT

ODER: EINFACH MAL DARÜBER NACHDENKEN!

Du achtest beim Einkauf auf das BIO-Label, ärgerst dich über die konventionelle Landwirtschaft, wirst richtig sauer, wenn du siehst, dass ein Landwirt Pflanzenschutzmittel auf seinen Acker aufbringt!? Ich muss gestehen, noch vor einer Woche ging es mir nicht viel anders – mit Blick auf die Insekten und das Artensterben kann es doch einfach nicht die Lösung sein, chemische Substanzen in die Natur einzubringen. Doch dann habe ich mich mit Marie Hoffmann aus Lippetal-Schoneberg unterhalten und musste meine Meinung – zumindest in Teilen – noch einmal überdenken, denn es gibt immer auch die andere Seite der Medaille :

Unverständnis resultiert meist aus Unwissenheit

Du bist zwar ländlich, nicht aber auf einem Hof aufgewachsen. Wie bist du zur Landwirtschaft gekommen?

Mein Großvater hat mich von klein auf immer schon mit zum „Haus Düsse“ genommen. Das ist die Versuchs- und Bildungsstätte der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen hier ganz in der Nähe in Bad Sassendorf-Ostinghausen. So kam ich schon früh mit allen Bereichen der Landwirtschaft in Kontakt und habe mich mit ihnen vertraut gemacht. Später habe ich dann auch Praktika in diesem Bereich absolviert. Und so war für mich völlig klar, dass es nach dem Abitur in diese Richtung gehen sollte…

Das Thema steht nicht unbedingt bei so vielen auf Platz 1 der Berufswünsche. Was fasziniert dich so sehr daran, dass du dich zum Studium der Agrarwissenschaften entschlossen hast?

Es ist tatsächlich der allerwichtigste Beruf überhaupt, denn er schafft die Basis unseres täglichen Lebens; schließlich konsumieren wir alle Tag für Tag die Lebensmittel, die der Landwirt für uns produziert. Außerdem ist es schön, in Einklang mit der Natur zu arbeiten und Verantwortung für unsere Ökosysteme und Umwelt zu übernehmen. Wir bekommen so viel von der Natur, da ist es wichtig, ihr auch etwas zurückzugeben, zum Beispiel in Form von Zwischenfrüchten und Blühstreifen.

Über Jahrhunderte wurde das Wissen auf den Höfen einfach von Generation zu Generation weitergegeben. Warum lohnt es sich heute, ein Studium dafür zu absolvieren?

Agrarwissenschaft ist eine komplexe Wissenschaft, denn sie vereint viele Teilbereiche unter sich: Da wäre zum einen die Ökologie, dann aber auch die Anatomie und Veterinärmedizin. Wenn man Tiere in einer großen Stückzahl hält, muss man sofort erkennen, wenn es einem Tier nicht gut geht, und entsprechend reagieren. Auch im technischen Bereich muss man sich gut auskennen: Die Maschinen werden immer komplexer, es laufen viele Digitalisierungsprozesse ab, alles geht immer schneller – das funktioniert nicht mehr mit Zetteln, da muss man sich auch mit den entsprechenden Apps und Geräten auskennen. Und dann wären da auch noch die Kenntnisse über chemische und biologische Prozesse, zum Beispiel über das Bodengefüge oder die Zusammensetzung von Pflanzenschutzmitteln… Das alles birgt natürlich auch eine große Verantwortung, und diese Vielfalt fasziniert mich!

Die Landwirtschaft hat sich also in den letzten Jahrzehnten stark verändert, und verändert sich auch immer weiter. Was sind die größten Einschnitte und Herausforderungen?

Die größte Herausforderung, vor der wir alle stehen, ist der Klimawandel. Wir müssen alle Maßnahmen treffen, um ihn nicht nur aufzuhalten, sondern auch, um mit seinen Folgen umzugehen. Dabei spielt der Erosionsschutz eine wichtige Rolle: Die oberen Erdflächen müssen so beschaffen sein, dass es bei Starkniederschlägen nicht zu Verschlämmungen kommt. Dies schützt nicht nur bauliche Konstruktionen, sondern auch Menschenleben, wie wir letztes Jahr bei der Flutkatastrophe im Ahrtal gesehen haben. Außerdem muss dafür gesorgt werden, dass Nährstoffe im Boden gehalten werden, aber auch Schadstoffe nicht als Stoffeinträge in tiefere Bodenschichten und ins Grundwasser verlagert werden. Das geht nur über den Humusaufbau, also den Aufbau der organischen Substanz im Boden, wobei Mist und Gülle, aber auch Erntereste und Zwischenfrüchte eine große Rolle spielen. Dieser Humus ist außerdem der größte CO2-Speicher, den wir haben; er konserviert dieses im Boden und ist daher entscheidend für die Maßnahmen, um den Klimawandel zu entschleunigen. Deshalb ist es auch so wichtig, durch Bodenbearbeitung, wie beispielweise das Pflügen, was häufig im Bio-Anbau durchgeführt wird, nicht zu sehr in das Bodengefüge einzugreifen. Schließlich gilt es, mit der wichtigsten Ressource überhaupt, dem Wasser, zu haushalten. Auch hierfür ist es wichtig, den Boden möglichst wenig zu bearbeiten, damit das im Boden gespeicherte Wasser nicht verdunstet oder nicht gehalten werden kann und absickert…

Es gibt aber auch noch eine andere Herausforderung, mit der die Landwirtschaft aktuell zu kämpfen hat: Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Durch die politische Debatte, auch durch die Verbreitung von Unwahrheiten – wie kürzlich bei einer Reportage des NDR mit Sky du Mont – kommt es dazu, dass die Landwirtschaft haltlosen Vorwürfen ausgesetzt und immer weiter heruntergewirtschaftet wird. Das führt dann dazu, dass sie im europäischen Binnenland nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Die künstliche Verknappung löst das Problem ja nicht, sie führt nur dazu, dass die Produktion ins Ausland verschoben wird, wo wir keinen Einfluss mehr auf die Gesetzgebung und die Kontrolle der Umsetzung haben – meiner Meinung nach ist das ein ganz großes Problem.

Landwirtschaft scheint aber tatsächlich nicht immer in Einklang mit Tierwohl, Umweltschutz und Natur zu bringen zu sein. Was muss sich ändern, damit dieser Spagat gelingen kann?

Grundsätzlich schafft es unsere moderne Landwirtschaft bereits schon sehr gut, all dies in Einklang zu bringen, da wir immer effizienter wirtschaften. Wenn der Landwirt kein Geld verdient, und sich das System nicht von selbst trägt, wäre das Ganze ja auch nicht nachhaltig. Vor allem ist der Landwirt ja aber auch daran interessiert, Betriebsmittel, wie Saatgut, Dünger, Pflanzenschutzmittel und Diesel einzusparen, die übrigens aktuell enorm teuer sind. Das setzt eine entsprechende Effizienz der eingesetzten Mittel voraus, was natürlich auch der Umwelt zugutekommt, da nur so viel ausgebracht wird, wie Boden und Pflanze auch aufnehmen kann.

Mit Blick auf das Tierwohl muss sich als erstes das Verbraucherverhalten verändern. Der Verbraucher hat die Verantwortung, Produkte zu kaufen, die von hier stammen, und – in einem zweiten Schritt – auf die Haltung zu achten. Im Ausland sind die Haltungsstandards ganz anders, hier haben wir zig Kontrollinstanzen und können uns darauf verlassen, dass die Standards wirklich eingehalten werden. Beim Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit müssen wir noch jede Menge Aufklärungsarbeit leisten: Es wird davon ausgegangen, dass alles gut ist, wenn wir auf alle chemischen Maßnahmen verzichten und alles „bio“ ist. Aber das ist ein Trugschluss! Denn dann müssen die Landwirte verstärkt durch mechanische Maßnahmen in den Boden eingreifen, das Ökosystem dort, das Habitat von Regenwürmern und Co., wird dann zerstört. Außerdem würden dann Kapillarkräfte im Boden verloren gehen, und das Wasser würde nach unten absickern. Das kann man sich ähnlich wie bei einem Strohhalm in einem Glas vorstellen, darin steht das Wasser ja auch immer etwas höher als der restliche Pegel im Glas, und so ist das auch im Boden, wenn eben diese Bodenporen erhalten bleiben. Zusätzlich wird der Lebensraum für das Niederwild und Bodenbrüter zerstört, wenn wir zu viel mechanisch eingreifen. Nehmen wir mal den Kiebitz: Der wird von chemischen Pflanzenschutzmaßnahmen nicht stark beeinträchtigt, verliert aber sein Habitat, seine Brut oder seine Jungtiere, wenn wir zig Mal mit dem Striegel über den Acker fahren. Bei der Überfahrt verbraucht der Traktor natürlich auch einiges an Diesel und setzt jede Menge CO2 frei. Ist das wirklich das, was wir wollen? Wir müssen immer zuerst überlegen, was die Alternative ist, wenn wir eine Sache verbieten; wir dürfen da nicht ideologisch rangehen und sämtliche Handlungsspielräume verbauen!

Du warst kürzlich in den USA und hast dir dort Höfe angesehen. Warum lohnt sich der Blick über den Tellerrand hinaus und was können Betriebe in Deutschland und den USA voneinander lernen?

Wir haben uns verschiedene Betriebe in Illinois angesehen; da ging es hauptsächlich um die Proteinversorgung und darum, wie bei Missernten die Tierversorgung gewährleistet bleiben kann. In einigen Punkten sind die Landwirte in den USA uns weit voraus; sie haben das Bodengefüge schon länger im Blick, säen in Direktsaat, also in die Stoppeln der letzten Ernte, ohne dass der Boden umgebrochen wird. Dadurch kann sich der Boden regenerieren, gewinnt an organischer Substanz und wird damit sehr wertvoll und fruchtbar. Solche Handlungsspielräume haben wir in Europa allerdings auch gar nicht, denn es gibt viel strengere Auflagen, was die Unkrautbekämpfung angeht; somit ist es nahezu unmöglich, dass der Landwirt als Experte so wirtschaften kann, wie er es für sich, die Tiere und die Umwelt für richtig hält… Der Blick über den Tellerrand lohnt sich aber auch von der anderen Seite aus, denn wir hier in Deutschland sind viel weiter, was Fruchtfolgen, Zwischenfrüchte und Anbaupausen angeht, wir bauen viel mehr Kulturen an – durch so einen Austausch und gegenseitige Besuche können immer alle profitieren, und deswegen wird das sicherlich auch nicht meine letzte derartige Reise gewesen sein!

Auf deinem Instagram-Account sieht man dich u. a. mit Hendrik Wüst und Friedrich Merz. Wie wichtig sind die politischen Rahmenbedingungen für einen landwirtschaftlichen Betrieb?

Das Wichtigste ist die Planbarkeit. Eine Legislaturperiode dauert vier Jahre, ein Stall wird aber auf zwanzig Jahr abgeschrieben. Und nur, weil sich von Legislatur zu Legislatur die Rahmenbedingungen ändern, kann man nicht jedes Mal seinen Stall abreißen und von vorne anfangen – ganz klar! Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Wettbewerbsfähigkeit und die Einheitlichkeit. Hier liegt eine große Verantwortung beim EU-Parlament, denn wenn wir in Deutschland die Käfighaltung verbieten – was ja absolut zu befürworten ist! – verschiebt sie sich einfach über die Grenze und wird zum Beispiel in Osteuropa weiter ausgebaut. Wenn also solche Verbote beschlossen werden, müssen sie auch europaweit gelten! Die Politik ist außerdem in der Verantwortung, mehr Aufklärungsarbeit zu leisten: Ein Landwirt ernährt immer mehr Menschen, was aber eben auch dazu führt, dass immer weniger Menschen einen direkten Kontakt zur Landwirtschaft haben, der Bezug zu der Branche geht einfach verloren. Diese Aufklärungsarbeit muss schon in der Grundschule beginnen und vielleicht als Fach „Landwirtschaft und Ernährung“ im Lehrplan verankert werden, und auch den erwachsenen Verbraucher erreichen!

Auf Instagram und TikTok hast du jeweils über 300.000 Follower. Welche Botschaft möchtest du über diese Kanäle verbreiten?

Ich bin ja selbst in die Landwirtschaft reingewachsen, habe in meinem Umfeld einige Vorurteile mitbekommen und auch selbst einige Dinge zunächst ganz anders gesehen. Aber nur, wenn man selbst mal hinter die Kulissen schaut und sich wirklich umfassend informiert, versteht man die Zusammenhänge, und auch erst dann sollte man urteilen. Unverständnis resultiert meist aus Unwissenheit! Ich versuche, auf meinen Kanälen Aufklärungsarbeit zu leisten und komplexe Sachverhalte so einfach zu erklären, dass sie jeder versteht, auch wenn er nichts mit der Branche zu tun hat. In meiner Community sind natürlich auch einige Landwirte, aber zu 35 Prozent auch Nicht-Landwirte, und gut ein Fünftel, dass mit der Landwirtschaft überhaupt nichts zu tun hat. Besonders diese Menschen möchte ich erreichen und informieren!

Du lebst in Lippetal, einer Gemeinde in der Soester Börde zwischen Sauer- und Münsterland. Welcher Region fühlst du dich mehr verbunden?

Rein landwirtschaftlich fühle ich mich eher dem Münsterland verbunden, weil dort eben sehr viel Ackerland ist, während sich im Sauerland eher alles um die Forst- und Grünlandwirtschaft dreht… Aber ich liebe das Sauerland auch total und fahre oft dahin. Zum Beispiel an den Möhnesee oder in den „Wildpark Bilsteintal“ in Warstein; im Winter geht´s manchmal auch nach Willingen, denn ich kann auch ein bisschen Ski fahren.

Was sind deine Pläne für die nähere und ferne Zukunft? Wie soll es für dich nach dem Studium weitergehen?

Im Moment schreibe ich die Masterarbeit, anschließend wird noch die Doktorarbeit einiges an Zeit fordern. Ich möchte aber unbedingt weiterhin in der Praxis tätig sein, vermutlich steige ich nächstes Jahr als Teilhaberin in einen Ackerbaubetrieb hier in der Umgebung ein. Daneben möchte ich auch mit meinen Social-Media-Kanälen selbstständig bleiben und weiterhin Aufklärungsarbeit leisten; außerdem könnte ich mir auch vorstellen, als wissenschaftliche Instanz beratend für die Politik tätig zu sein, wie ich bei meinem Praktikum im Bundestag gemerkt habe. Es gibt auf jeden Fall eine Menge zu tun – ich bin bereit und freue mich darauf!

Marie und ich haben etwa eine halbe Stunde miteinander gesprochen; das ist nicht lange, und doch habe ich so viel dabei gelernt. Vielleicht kommst auch du einfach mal mit dem Landwirt in deiner Nachbarschaft ins Gespräch, erzählst ihm, worüber du dich ärgerst und was du nicht nachvollziehen kannst – ich bin mir ziemlich sicher, es lohnt sich. Oder du schaust auf Maries Kanälen vorbei, denn auch sie wird dich weiterhin auf dem Laufenden halten:

http://www.marie-hoffmann-landwirtschaft.de/

https://www.instagram.com/marie_hfmn97/

https://www.tiktok.com/@mariehoffmann697

https://www.facebook.com/profile.php?id=100082444163728

Die Fotos wurden mit freundlicher Unterstützung von Marie Hoffmann zur Verfügung gestellt.

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