EIN BLICK HINTER DIE KULISSEN BEIM „ELSPE FESTIVAL“

ODER: MITTEN IM SAUERLAND TOBT DER WILDE WESTEN

 

Eine wunderschöne sauerländische Gebirgskulisse… Die Bäume und Sträucher stehen im satten Grün, ein riesiger Felsen türmt sich majestätisch auf, und abgesehen vom lebhaften Vogelgezwitscher ist es herrlich still… Plötzlich ertönt Dudelsack-Musik und eine schottische Blas-Kapelle marschiert den gerade noch so ruhig dastehenden Berg herunter. Von der anderen Seite fährt rasant ein Planwagen mit Siedlern vor, die aussehen, als würden sie ins vorletzte Jahrhundert gehören. Und dann springen unerwartet noch Trapper aus dem Gebüsch und schmieden wilde Pläne – ebenfalls nicht ganz zeitgemäß und regional gekleidet. Doch so verkehrt, wie das jetzt klingen mag, ist es zum Glück nicht: Willkommen bei „Elspe Festival“!

 

 

 „Winnetou II 2018“ – Die Vorbereitungen

 

Fast ebenso spannend wie das Spektakel auf der Bühne ist derzeit auch, was sich unmittelbar davor abspielt! Hier stehen zwei Männer und führen leidenschaftlich Regie – es sind keine Geringeren als Jochen Bludau und Benjamin Armbruster.

 

Jochen Bludau, Benjamin Armbruster

 

Jochen Bludau ist seit den Anfängen der Freilichtbühne in Lennestadt-Elspe dabei. Die Anfänge, das sind die 1950er Jahre. Nach den Kriegsjahren dürstete besonders die ländliche Bevölkerung nach kulturellem Programm. So kam es, dass aus dem Elsper Theaterverein 1950 die „Naturbühne Elspe e.V.“ wurde, und die Erstaufführung „Wilhelm Tell“ schon knapp 8.500 Zuschauer erreichte. Karl May wurde 1958 mit „Winnetou I“ zum ersten Mal und seit 1964 ausschließlich gespielt. Und nun rate mal, wer vor exakt 60 Jahren den ersten Winnetou spielte!?

 

Jochen Bludau

 

Richtig, es war Jochen Bludau, der sich seitdem nicht mehr vom „Elspe Festival“ getrennt hat. Die Seiten gewechselt hat er allerdings schon – er blieb nicht lange Winnetou, sondern spielte von 1966 bis 1993 den Old Shatterhand. Wusstest du übrigens, dass Old Shatterhand Karl May selbst ist? Mir war das nie so ganz klar, aber man lernt ja bekanntlich nie aus…

 

Elspe Festival Galerie

 

Die Rolle für den Indianerhäuptling war also frei. Nach wechselnder Besetzung übernahm 1976 der „echte Film-Winnetou“ Pierre Brice die Zügel von Iltschi, was die Besucherzahlen bereits in dieser Saison auf ca. 250.000 (zum Vergleich 1975: ca. 150.000) steigerte und den Karl-May-Festspielen in Elspe weltweite Bekanntheit einbrachte. Brice spielte zehn Jahre lang im Sauerland; der Besucherrekord wurde im Jahr 1980 mit über 400.000 geknackt.

 

 

Die nächste große Epoche in Elspe begann schon kurz nach Brice´ Abschied, als Benjamin Armbruster 1988 die Neubesetzung des Winnetou übernahm, und so ganz zu Ende ist sie ja auch heute nicht… Er spielte den Apatschen bis 2012 Sommer für Sommer mit großer Leidenschaft. Parallel dazu war er am Theater Bielefeld in über 150 Rollen zu sehen – häufig sogar am gleichen Tag im Sauerland und Ostwestfalen. Daneben ist er Stuntman, Kampfchoreograph und Regisseur.

 

Elspe Festival Benjamin Armbruster

 

Mit diesem riesigen Erfahrungs-Fundus ist er eine unersetzliche Bereicherung; nur logisch, dass „Elspe Festival“ ihn nicht gehen lassen wollte! So ist der inzwischen 72-Jährige seit seinem Bühnen-Abschied als Winnetou für die Dialog-Regie verantwortlich, und somit immer noch ganz nah dran am Geschehen…

 

Elspe Festival Proben

 

Tatsächlich macht es für die beiden Profis dann bei den Proben einen großen Unterschied, ob die schottische Kapelle zum Takt ihrer eigenen Trommel oder der eingespielten Musik marschiert. Diese ist übrigens – ebenso wie die Dialoge der Schauspieler – dank ausgebuffter Tontechnik auf jedem der 4.000 Sitzplätze, die von einer dem Dach des Münchener Olympia-Stadions ähnlichen Konstruktion säulenlos überdacht sind, zu verstehen.

 

Elspe Freilichtbühne

 

Nicht nur die Feinheiten bei Dialogen und Handlungen, sondern auch die genaue Position der bis zu 60 Schauspieler auf der fast 100 Meter breiten Bühne ist äußerst wichtig. Die Herausforderung bei der Umsetzung der Karl-May-Bücher ist nämlich, dass der Blick des Zuschauers von der „Totalen“ auf die aktuell gespielte Szene gelenkt werden soll – und das ganz ohne helfende Kamera-Technik.

 

 

Manchmal spielt jene im Tipi-Dorf, manchmal in der Western-Stadt, immer aber kommt Winnetou auf seinem Pferd den steilen Weg in der Mitte der Bühne hinunter. Zur klassischen „Winnetou-Melodie“ von Martin Böttcher ist das ein wahrhafter Gänsehautmoment, der bei keinem der aufgeführten Stücke fehlen darf.

 

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Die große Kunst der Regisseure ist nun, die verschiedenen Szenen so perfekt auf der Bühne zu arrangieren, dass das Auge des Zuschauers automatisch geführt wird. Da man die entsprechende Wirkung und Sicht am besten aus dem Zuschauerraum beurteilen kann, stehen Jochen Bludau und Benjamin Armbruster bei der Arbeit direkt vor der ersten Reihe. Und so kann es geschehen, dass der schottische Musiker, der den Rucksack mit dem Ofen auf dem Rücken hat, spontan in die Knie gehen muss, um die ideale Höhe im Gesamtbild zu erreichen.

 

Elspe Festival Requisite

 

Im Prinzip hat Jochen Bludau aber das vollständige Bühnenbild bereits vor seinem inneren Auge, wenn er jeweils im Winter das Drehbuch für die anstehende Saison schreibt. Grundlage hierfür sind natürlich die Original-Karl-May-Texte. Aus diesen wählt der Autor diejenigen Szenen aus, die sich aufgrund von Spannung, Komik oder Action besonders gut für die Bühne eignen. Dabei hat er auch schon die verschiedenen Zuwegungen zur Bühne, die er ja bestens kennt, im Blick: Schafft es der Reiter, hinter den Kulissen in der passenden Zeit zum linken Bühnenrand zu gelangen, wenn er gerade nach rechts abgegangen ist?

 

 

Auch spielen die eingesetzten „Verkehrsmittel“ wie die 40 Pferde (jeder Schauspieler versorgt sein „eigenes“ Pferd), die Kutschen und Planwagen und die seit 1975 über die Bühne fahrende Western-Eisenbahn bereits beim Verfassen des Drehbuchs eine entscheidende Rolle.

 

 

Ergänzt durch die aufwendige Requisite, Kostüme und Maske entsteht dann ein dermaßen authentisches Gesamtbild, dass sich der Zuschauer wirklich wie im Wilden Westen fühlt. Ich weiß noch genau, wie ich mich als Kind bei unserem alljährlichen Ausflug zum „Elspe Festival“ wirklich gefürchtet habe, als der Bösewicht auf die Bühne sprang oder ein Wagen explodierte – ebenso glaubte ich aber auch, dass es der echte Indianerhäuptling Winnetou war, der den nordamerikanischen Abhang hinunterritt…

 

Elspe Festival Pferd

 

„Winnetou II 2018“ – Die Saison

 

Mit den steigenden Besucherzahlen und dem zunehmenden Bekanntheitsgrad wuchsen auch die örtlichen Möglichkeiten und das Rahmenprogramm, das dir das „Elspe Festival“ heute zu bieten hat: Den originalgetreuen Western-Saloon zum Beispiel gibt es bereits seit 1975; später kamen eine große Show-Halle, verschiedene Erlebnisrestaurants, ein Reitplatz mit Zuschauerrängen, die Greifvogelstation und vieles mehr hinzu. Insgesamt ist das Festivalgelände übrigens ca. 120.000 Quadratmeter groß und fügt sich mit seiner Naturbelassenheit perfekt in die Sauerländer Landschaft ein.

 

 

Wenn du dir das diesjährig erstmals seit 1985 inszenierte „Winnetou II“ live ansehen möchtest – was ich dir dringend empfehle – solltest du dir also mehr als die zwei Stunden Spielzeit mitbringen und die Gegend rund um die große Freilichtbühne entdecken. Du willst doch schließlich bestimmt weder die Stunt- noch die Pferde-, Hunde- oder Greifvogelschau verpassen, oder? Besonders spannend ist auch die einstündige Backstage-Tour, die dich hinter die Kulissen blicken und die Bühne aus Schauspieler-Perspektive erleben lässt.

 

Elspe Festival Übersichtstafel

 

Korrekt müsste der diesjährige Titel eigentlich „Winnetou II – Der Kampf um Öl“ lauten, was zeigt, dass die heute noch aktuelle Problematik schon bei den Apatschen Thema war. Neben friedlichen Siedlern kamen nämlich auch skrupellose Verbrecher in das Land der Indianer – das kostet Old Firehands Frau Ribanna das Leben.

 

 

Der Auftrag für die beiden Helden ist nun klar: dieser Tod muss gerächt werden! Dass diese Situation von ganz besonderer Bedeutung für den weiteren Verlauf des Stückes ist, wird auch daran sichtbar, dass sie dank moderner Technik beim späteren Zusammentreffen von Winnetou und seinem Erzfeind wieder eingeblendet wird.

 

 

Vor 33 Jahren wurde das Stück zum letzten Mal gespielt; die meisten Darsteller – bis auf einige wenige Urgesteine – spielen es logischerweise zum ersten Mal. Ebenso dürfte es aber auch für langjährige Stammbesucher zum ersten Mal auf dem Programm stehen. Übermorgen geht’s endlich los; bis zum 09. September wird fast täglich gespielt.

 

 

Bei der Besetzung der Hauptrollen setzt „Elspe Festival“ seit vielen Jahren auf professionell ausgebildete Schauspieler; daneben standen auch „Gaststars“ wie Martin Semmelrogge, Radost Bokel und Katy Karrenbauer für eine Saison auf der Elsper Bühne. Seit mehr als zehn Jahren sind nun Jean-Marc Birkholz und Kai Noll mit an Bord und stellen die Freundschaft zwischen dem Indianerhäuptling und seinem Blutsbruder dar.

 

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Da die Beiden ansonsten vor der Fernseh-Kamera stehen, ist das Live-Spiel auf der großen Freilichtbühne natürlich eine besondere Herausforderung – die aber auch durch das direkte Feedback des Publikums belohnt wird. Die Saison über wird fast täglich gespielt und auch zu den Proben sind die Darsteller schon in Elspe. Wie ein Großstädter – was professionelle Schauspieler nun mal meistens sind – die Festival-Saison im Sauerland „überlebt“ (aus „Großstädter-Sicht“ gedacht natürlich!), hat mir „Winnetou“ Jean-Marc Birkholz verraten:

 

Elspe Festival Jean Marc Festival

 

„Inzwischen bin ich mein elftes Jahr bei den Karl-May-Festspielen in Elspe dabei. Auch wenn ich mir anfangs immer vornehme, oft nach Hause in die Stadt zu fahren, denn ich bin gerne Stadtmensch, ist die Anziehungskraft des Sauerlandes meist größer. Die Stille wird hier nur durch die heimischen Tiergeräusche unterbrochen (ab und zu auch mal durch ein Traktorenrattern) und lässt einen Tag für Tag näher zu sich kommen. In der Stadt würde man viel Geld für so eine Selbstfindung bezahlen. Im Sauerland ist das inklusive. 

Die Herzlichkeit der Sauerländer ist dabei auch nicht zu unterschätzen. Wenn man sich erst einmal kennt, wird aus einem Fünf-Minuten-Gang in den Supermarkt oft ein Dreißig-Minuten-Ausflug mit „Hallos“ und dem gegenseitigen Austausch von Neuigkeiten.

An den spielfreien Tagen bin ich gerne unterwegs in der Natur, die hier reichlich und schön vorhanden ist. Wenn die Saison zu Ende ist und ich wieder zu Hause, können meine Familie und Freunde absolut nichts damit anfangen, wenn ich an fast jedes Satzende ein „woll“ knalle. Spätestens dann weiß ich, dass es das Sauerland wieder einmal geschafft hat, den Kampf gegen die Stadt zu gewinnen.“

 

Elspe Festival Stadt

 

Das „Elspe Festival“ ist aus einem regionalen sauerländischen Theaterverein entstanden, seiner Tradition immer treu geblieben und steht nach über 60-jähriger Erfolgsgeschichte als einer der größten und meistbesuchten Festivalparks in Europa da. Insgesamt kamen inzwischen über 12,5 Millionen Besucher zur Freilichtbühne und fieberten bei den spannenden Geschichten rund um Winnetou, Old Shatterhand und Sam Hawkens mit…

 

 

 

Wenn du dir vor Augen führst, wie die Mobilität der Menschen in den Anfängen von „Elspe Festival“ aussah, dürfte dir bestimmt klar sein, dass die ein oder andere etwas mühsamere Anreise dabei war.

 

Elspe Festival Zufahrt

 

Das sollte einen klitzekleinen Umweg in deinem modernen, klimatisierten Vehikel relativieren, zumindest, wenn du aus Richtung Olpe (A4/A45) anreist. Vom 16. Juli bis zum 28. August – also genau zur Spielzeit – ist nämlich die B55 in Trockenbrück voll gesperrt. Das bedeutet für dich lediglich, dass du dich dieses Jahr nicht aufs Navi oder die altbekannte Strecke verlassen, sondern frühzeitig den Umleitungsschildern folgen solltest. Du „verlierst“ nur einige Minuten – wobei du sie eigentlich gewinnst

 

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Elspe Festival, Zur Naturbühne 1, 57368 Lennestadt

http://www.elspe.de

 

2 Kommentare zu „EIN BLICK HINTER DIE KULISSEN BEIM „ELSPE FESTIVAL“

  1. Vor 33 Jahren stand ich selber auf dieser Bühne und mit jeder kleinen Erzählung werden Erinnerungen wach, Erinnerungen an die wohl beste Zeit im Leben. Den großen Pierre Brice ganz nah zu erleben, zuerst hat man mehr oder weniger Ehrfürchtig zu ihm aufgeschaut, aber nach und nach entstand eine Freundschaft, die auch noch weit über seine Zeit in Elspe hinausgegangen ist. Ich erinner mich gerne zurück, drücke aber auch dem diesjährigen Ensemble die Daumen und sage Toi Toi Toi für eure morgige Premiere.

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