IM GESPRÄCH MIT CURVY MODEL ALEXANDRA LINNEMANN

ODER: JEDER KÖRPER IST SCHÖN!

Bist du mit deinem Körper zufrieden? Ich weiß, das ist eine recht intime Frage, aber hin und wieder solltest du sie dir trotzdem mal stellen! Denn viel zu schnell tauchen Gedanken auf, die völlig überflüssig sind: Vergleiche mit anderen, Selbstzweifel, Scham… Das ist auch nur allzu menschlich; schließlich wird uns ständig vorgegaukelt, dass wir perfekt sein müssen, wenn wir schön sein wollen. Doch was bedeutet eigentlich „perfekt“, was ist eigentlich „schön“? Um diese Fragen zu beantworten, habe ich mich mit dem Curvy Model Alexandra Linnemann aus Brilon unterhalten, und dir wirst sehen – genau so, wie du bist, bist du wunderschön:

Die Kleidergröße definiert nicht den Wert eines Menschen

Hier mal ein kleines Röllchen, da mal ein paar Pfunde zu viel auf der Waage – wahrscheinlich hatte jeder schon einmal mit solchen Gedanken zu kämpfen… Sind das Probleme, die dir völlig fremd sind?

Nein, diese Probleme sind mir nicht fremd. Ich habe von Konfektion 34 bis 46 schon alles durch und weiß genau, wie schnell dann plötzlich solche Gedanken aufkommen. Das ist menschlich. Allerdings hat man oftmals diese Gedanken, weil die Gesellschaft unsere Sehgewohnheiten dank medialer Beeinflussung schon in jungen Jahren geprägt hat. Uns wird schon sehr früh suggeriert, dass wenn wir nicht perfekt sind, wenn wir nicht schlank sind, keine glatte Haut haben, nicht frei von Cellulite oder Dehnungsstreifen sind, wir nicht dem Ideal entsprechen. Ich stelle mal die These auf, dass die Beautybranche nur ein Drittel von dem verdienen würde, was sie verdient, wenn wir uns alle so lieben und akzeptieren würden, wie wir sind, da sie hauptsächlich mit den Unsicherheiten der Menschen ihr Geld verdient. Und dadurch kommen dann schnell diese von dir genannten Gedanken auf.

Foto: Yvonne Sophie Thöne

Wie bist du dann zum Curvy Model geworden?

Ich habe bereits in jüngeren Jahren, als ich vierzehn bis siebzehn Jahre alt war, hier und da ein paar Mal gemodelt. Ich habe mich erinnert, dass ich viel Freude daran hatte. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob ich mit meinem 44/46er-Körper in dieser Branche Fuß fassen könne. Mein Selbstbild war dank Mobbing und einer Essstörung auch nicht unbedingt das beste… Also habe ich spontan ein Fotoshooting gemacht. Aus einem wurden zwei, drei, vier und viele mehr. Und jedes Mal war ich über mich selbst erstaunt und wurde immer selbstbewusster. Die Bilder haben mir Selbstvertrauen geschenkt und meine eigene Wahrnehmung Schritt für Schritt geändert. Nach einer gewissen Anzahl an Shootings habe ich tolle Menschen aus der Branche getroffen, die in mir Potenzial gesehen haben und mich in professionelle Modeljobs integriert haben. Ich habe von immer mehr Seiten Anfragen erhalten, und so kam eins zum anderen. Und nun betreut mich eine Agentur, ich arbeite regelmäßig für wundervolle Labels und habe unendlich Freude darin gefunden.

Foto: Fee Schreiber

Bei einem Model denken wahrscheinlich Viele an das berühmte Salatblatt zum Mittagessen. Achtest du eisern auf Kalorien oder isst du einfach das, was dir schmeckt?

Grundsätzlich achte ich schon darauf, was ich esse, aber ich esse definitiv nicht täglich einen Salat. Ich esse das, worauf ich Lust habe, und genieße es. Mir ist die Qualität des Essen sehr wichtig.

Foto: Fabian Grell

Was bedeutet Schönheit für dich?

Schönheit ist für mich keine Optik, keine Kleidung, keine materialistische Sache – sie ist für mich viel mehr der Charakter eines Menschen, die Gestik kleiner Dinge, der Duft einer Blume, der Geruch im Wald, die Natur…! Natürlich finde ich auch Dinge schön, aber das ist immer subjektiv.

Foto: Peter Müller

Was ist deine Message?

Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob ich die eine Message habe. Ich möchte, dass die Menschen umdenken: Sobald man nicht dem vermeintlichen Ideal entspricht, wird man von der Gesellschaft oft zerrissen. Man sollte sich immer vor Augen halten, dass eine Kleidergröße nicht den Wert eines Menschen definiert.  Es soll jeder Mensch so akzeptiert werden, wie er ist. Egal wie die Konfektion ist, egal woher man kommt, egal zu welcher Religion man gehört und erst recht egal, welche sexuelle Orientierung man hat. Diversität sollte in jedem Kopf präsent sein!

Foto: Patricia Konrad

Instagram steht ja oft unter dem Vorurteil, gerade junge Mädchen unter Druck zu setzen, weil sie dort nur Frauen mit den „perfekten“ Maßen auf noch dazu bearbeiteten Fotos sehen… Du bist auf dieser Plattform sehr erfolgreich. Wie erlebst du das? Welches Feedback bekommst du auf deine Bilder?

An diesem Vorteil ist leider viel Wahres dran… So geht es aber nicht nur Mädchen und Frauen, sondern auch Jungs und Männern. Diese zwanghafte Perfektion fördert auch Essstörungen oder ein gestörte Selbstakzeptanz. Folgen sind oft Schönheitseingriffe in viel zu jungen Jahren oder psychische Probleme. Allerdings ist es jedem selbst überlassen, inwieweit man diesem nacheifern will. Die mentale Gesundheit spielt dabei eine große Rolle. Um mehr Realität in seinem Feed zu haben, sollte man zum Beispiel auch Brands folgen, die sich für Diversität aussprechen. Dadurch hat man auch Plussize-Modelle im Feed, Menschen mit Handicaps, LGBTIQ… Menschen wie du und ich sind immer gefragter in der Modewelt. Klar wird es immer das klassische 90-60-90-Modell geben, aber die Sichtweisen verändern sich mittlerweile immer mehr. Bodyshaming, welches in beide Richtungen geht, soll dadurch bestenfalls reduziert werden. Ich persönlich finde, dass früh genug aufgeklärt werden sollte. Dass früh genug den Kindern auch schon mit auf den Weg gegeben werden sollte, dass man so, wie man ist, am besten ist. Niemand sollte etwas an sich ändern, um anderen zu gefallen. Man muss nur sich selbst gefallen! Das zu lernen ist schwer. Und je früher man das mit auf den Weg gegeben bekommt, desto weniger Schwierigkeiten gibt es in der Zukunft!

Foto: Yvonne Sophie Thöne

Ich bekomme – Gott sei Dank – 99 Prozent positives Feedback. Viele Menschen bedanken sich regelmäßig bei mir, dass ich mich zeige, wie ich bin, und damit eine Mehrheit auf unseren Straßen repräsentiere. Die Durchschnittsgröße bei 60-70 Prozent der Deutschen liegt bei der Konfektion 44. Mich freut es, wenn ich Nachrichten bekomme, wo mir alle Geschlechter schreiben und sich dafür bedanken, dass ich ihnen Mut mache, oder sie sich dank mir mehr trauen, bestimmte Kleidung zu tragen, die sie jahrelang zuvor aus ihren Gedanken verbannt haben. Teilweise haben mich Nachrichten zu Tränen gerührt, weil ich niemals gedacht hätte, so viel damit zu bewirken. Und ich bin unendlich dankbar für all diese Momente, Gespräche oder Erfahrungen, die ich durch das Modeln machen durfte.

Foto: Yvonne Sophie Thöne

Strahlend schön, selbstbewusst und ungemein vielseitig – wie lange dauert es, bis das perfekte Foto im Kasten ist? Und wie läuft ein solches Shooting ab?

Es kommt auf die Art des Shootings an. Ist es eine freie Arbeit, also ein TFP-Shooting, bei dem nicht mit einer Gage, sondern mit den Fotos „entlohnt“ wird, dann sind diese Bilder gewollt authentisch, unperfekt, echt und nicht gestellt. Oder man probiert gemeinsam mit den Fotograf:innen etwas Neues aus, um sich gegenseitig mit den Ergebnissen das Portfolio zu erweitern. Die Atmosphäre ist immer locker, lustig und der Faktor Zeit spielt keine Rolle.

Foto: Yvonne Sophie Thöne

Bei professionellen, bezahlten Shootings sieht das anders aus. Da hat man ein Team von drei bis dreißig Personen – je nach Auftragsgröße – um sich, man wird gestylt und perfekt geschminkt, hat besonderes Licht, welches die Haut schön aussehen lässt, und aus hunderten Bildern wird DAS EINE herausgesucht und dann nochmal bearbeitet, sodass am Ende ein Bild dabei rauskommt, welches in Magazinen gedruckt oder auf Internetseiten und in den Sozialen Medien präsentiert wird.

Foto: Fee Schreiber

Was reizt dich am Modeln?

Dass man immer wieder wundervolle Menschen kennenlernt, die Welt bereist und wunderschöne Fotos von sich hat… Mir macht es Spaß, mich vor der Kamera zu zeigen, zu bewegen und zum Beispiel Mode zu präsentieren, oder auch verrückte Posen zu machen. Shootings sind oftmals wie eine Sporteinheit. Das unterschätzen einige. Ich habe tolle Freundschaften durch das Modeln schließen können, Orte gesehen, die ich sonst wahrscheinlich nicht gesehen hätte, und Menschen kennengelernt, die ich nie wieder missen möchte.

Foto: Oliver Keller

Nun könnte man ja denken, das alles wäre ein Vollzeit-Job, dabei arbeitest du im „echten Leben“ als Webdesignerin in einer Briloner Agentur. Hast du überhaupt noch Freizeit? Und wenn ja, wie gestaltest du die?

Ja, meine Wochen sind immer seeehr voll. Aber ich habe diesen Job, der als Hobby anfing, absichtlich gewählt, und ich liebe es! Es ist ein guter Ausgleich. Und sollte ich dann doch mal ein paar freie Stunden haben, dann verbringe ich diese mit meinem Mann, meinen Freund:innen, oder im Wald. Denn ich liebe es, Pilze zu sammeln, sie zu fotografieren, zu identifizieren und diese auch in der Küche zuzubereiten!

Foto: Frank Beckmann

Viele Models zieht es in die Großstadt, du bist hier geblieben – was macht für dich das Sauerland so zauberhaft?

Ursprünglich komme ich sogar aus einer Großstadt, nämlich aus Leipzig. Aber ich liebe die Ruhe. Und am Sauerland schätze ich die Menschen und ihre humorvolle, lockere Art sehr. Ich habe hier Menschen kennengelernt, die mich schon viele Jahre begleiten. Die Natur ist mein persönliches Highlight im Sauerland. So viele Flüsse, Seen und Wälder – ich bin ein Naturmensch, und für mich ist das Sauerland definitiv ein Naturparadies.

Vielen Dank, liebe Alexandra, für deine Offenheit!

Foto: Yvonne Sophie Thöne

Ich glaube, an Alexandras Beispiel ist klar geworden: Wenn du an dich selbst glaubst, dich selbst liebst, dann strahlst du diese Schönheit auch nach außen hin aus! Versuch´s doch einfach, und wenn du noch mehr Inspiration brauchst, schau mal auf Alexandras Kanälen vorbei:

https://www.instagram.com/alexandra.linnemann/

https://www.facebook.com/alexandralinnemann.de

Die Fotos wurden mit freundlicher Unterstützung von Alexandra Linnemann zur Verfügung gestellt; der/die Fotograf/in ist jeweils unter dem Bild genannt, der Fotograf des Titelbildes ist Steve Schmidt.

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