DIE AMERIKANERIN „GLADYS“ EROBERT DAS SAUERLAND

ODER: VON DER „BROADWAY TERRACE“ AUF DIE „OBERE TERRASSE“

Nice to meet you! My name is Gladys and I´m from America… Alright, ich möchte es mit Deutsch versuchen. Denn eigentlich komme ich ja aus good old Germany, doch die vielen Jahre in den Vereinigten Staaten haben meine Sprachkenntnisse deutlich mehr rosten lassen als meinen gestählten Körper. Sure, etwas Selbstvertrauen darf schon sein – I´m really pretty! Nun bin ich jedenfalls hier im Sauerland gelandet. Als Buiterling, wie man mir sagte, und als solcher hat man´s wohl nicht leicht hier!? That´s no problem, ich gehe einfach offen auf die Menschen hier zu und erzähle meine Geschichte. So, listen, und du wirst sehen, dass ich inzwischen zu einer echten Sauerländerin geworden bin:

Was zuvor geschah

Sorry, wenn mir manchmal noch englische Wörter herausrutschen, ich werde ab jetzt besser aufpassen. Woll!? Bestimmt hast du schon an meinem großen, silbernen Stern erkannt, dass ich tatsächlich deutsche Wurzeln habe; aber mit meinen weit abstehenden Stoßstangen und den großen Doppelscheinwerfern war ich von Anfang an dafür vorgesehen, durch das sonnige Kalifornien zu rollen.

Als ich am 14. Juli 1983 in San Francisco ankam, hat sich Jemand richtig gefreut: Meine erste Besitzerin Maxine S. bekam mich von ihrem Mann Thomas geschenkt. Ich glaube, sie war gleich von Anfang an richtig vernarrt in mich; zumindest hat Maxine mich gleich liebevoll „Gladys“ getauft, immer gut umsorgt, alle meine Papiere aufbewahrt und mich sogar knappe zehn Jahre später beim Umzug mit nach Florida genommen. Einmal quer durch die USA – ich sage dir, das war schon was…

Aber noch lange nicht alles: Weil ich im Jahr 2000 eine neue Besitzerin bekam, nämlich Maxine´s Tochter Mary Lynn, ging´s wieder zurück nach San Francisco. Hier habe ich an der „Broadway Terrace“ gewohnt und noch viele glückliche Jahre verbracht, doch irgendwann fehlte die Zeit für mich; ich wurde zwar noch regelmäßig gewartet, aber so richtig große Reparaturen gab´s nicht mehr.

So habe ich Amerika im letzten Jahr mit einem weinenden und einem lachenden Auge verlassen; wahrscheinlich war der Abschied endgültig, aber irgendwie wusste ich schon zu Beginn meiner Reise, dass das immer noch nicht alles gewesen sein kann – ich bin doch noch fit! Und richtig: Über einen Umweg durch die Niederlande bin ich nach Warstein angekommen; von der „Broadway Terrace“ auf die „Obere Terrasse“ – ich denke, ein guter Tausch…

Eine schrecklich nette Familie

Natürlich macht nicht nur der jeweilige Ort den perfekten Standpunkt aus; es sind immer auch die Menschen, die mit einem dort wohnen. Und da habe ich wieder so richtig Glück gehabt! Mein „Neuer“, Uwe Paschedag, hat sich schon immer für die Restaurierung alter Motorräder interessiert und kam so auf meinen Neffen, den Joungtimer Mercedes SLK 200, Typ R170. Ich sag´s ja, immer dieses junge Gemüse; da kann eine echte Lady doch mithalten, auch wenn sie schon etwas in die Jahre gekommen ist!

Und so kam es dann auch: Der SLK aus der R170-Baureihe konnte Uwe und seine Frau Kathrin nicht lange glücklich machen! Denn inzwischen war auch noch Amar zu ihnen gestoßen; eine Bracke – Uwes zweite Hobby ist Jagen –, die dann doch etwas größer wurde als erwartet… Meine Stunde war gekommen, denn ich habe eindeutig mehr Platz im Beifahrerfußraum. Und da das ganze Rudel bequem mitfahren sollte, wurde kurzerhand der Young- durch den Oldtimer ersetzt – so kann´s gehen 😉

Nicht, dass du noch denkst, ich wäre arrogant; etwas Eitelkeit muss doch wohl erlaubt sein!? Ich bin schließlich ein echter Mercedes SL380 Roadster aus der R107-Baureihe, um das mal ganz deutlich zu sagen! Von 1971 bis 1989 wurden wir gebaut, mit ausgesprochen stabiler Karosserie und als Oberklassefahrzeug gedacht, wertstabil und auch heute noch so beliebt, dass ca. 19.000 meiner Zwillingsschwestern und -brüder hierzulande die Straßen unsicher machen. Das bleibt nicht aus; man muss uns einfach hinterherschauen – sorry!

Und natürlich soll das auch so bleiben! Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass Uwe mir eine aufwendige Frischzellenkur gegönnt hat; seitdem fühle ich mich fast wie neugeboren… Schon nach den ersten Ausflügen mit Kathrin und Amar durchs Sauerland hat er mich ein halbes Jahr lang immer wieder zu den verschiedensten Schönheitsexperten gebracht.

Ein neues Verdeck habe ich bekommen, Velour-Teppiche für den Fahrgastraum und sogar neue Polster und Lederbezüge. Wenn ich in den Spiegel schaue, kann ich´s manchmal selbst kaum glauben!

Dann sind noch jede Menge Sachen passiert, die ich nicht so genau verstanden habe, aber mein Deutsch ist ja auch noch nicht perfekt… Es ging da um Steuerketten, Lenkgetriebe, Vorderachslager und Lenkzwischenhebel; vielleicht verstehst du ja was davon!?

Läuft jedenfalls alles richtig rund seitdem; ich finde, die ganze Mühe hat sich gelohnt! Und was ist mit dir: Team „Gladys“ oder Team modernes Cabrio?  

Angekommen

Ja, ich glaube, ich bin angekommen, Buiterling hin, Buiterling her! Das Sauerland scheint mir ein ganz zauberhaftes Fleckchen Erde zu sein, auch wenn mir manchmal die kalifornische Sonne etwas fehlt. Gerade jetzt im Herbst!

Aber im Sommer habe ich schon jede Mengen Runden um den Möhnesee gedreht, da war´s echt schön, und manchmal auch fast so warm wie am Pazifischen Ozean. Ich mag´s schon sehr, mir die Sonne genüsslich aufs Blech scheinen zu lassen!

Immer wieder entdecke ich auch neue Orte: Um Steffi von „Zauberhaftes Sauerland“ meine Geschichte zu erzählen, hat Uwe mich zum „Köbbinghof“ gebracht. Ein wunderschöner Ort mit charmanten Gebäuden wie aus einer anderen Zeit; so etwas gibt es in Amerika nicht. Kein Wunder, dass Kathrin und Uwe hier geheiratet haben.

Bevor du mir jetzt vorwirfst, ein weichliches Schön-Wetter-Auto zu sein: Mein unaufdringlich wummernder V8-Motor bringt einiges an Leistung, und wo´s möglich ist, fühle ich mich auch abseits der Straße wohl…

So, nun weiß ich aber wirklich nicht mehr, warum ich nicht als echte Sauerländerin durchgehen dürfte. Passt doch alles, oder? Ansonsten müsstest du mir das wirklich noch einmal in einem persönlichen Gespräch erklären!

Aber nicht mehr in diesem Jahr; das war nämlich alles ganz schön anstrengend, und ich brauche erstmal eine Pause. Uwe hat mir auch erzählt, dass hier im Winter Salz auf die Straße gestreut wird, da wäre ich dann sowieso nicht so gern unterwegs. Den Pyjama habe ich schon an, und demnächst bekomme ich dann auch noch meine Styropor-Pantöffelchen, damit meine Reifen gaaaanz bequem einsinken können. Wir sehen uns dann im April in alter Frische; bis dahin und bleib gesund!

Vielleicht siehst du „Gladys“ ja mal auf der Straße; ansonsten kannst du hier verfolgen, wie es mit ihr weitergeht:

https://www.instagram.com/allagener/

Die Fotos von „Gladys“ Vorgeschichte, der Reparatur und von „Gladys“ am Möhnesee wurden mit freundlicher Unterstützung von Uwe Paschedag zur Verfügung gestellt.

7 Kommentare zu „DIE AMERIKANERIN „GLADYS“ EROBERT DAS SAUERLAND

  1. Interessant und es freut uns, dass es Gladys gut geht. Ich bin ein Bruder von Gladys, der noch in Kalifornien lebt, Ich, ein 560SL bin 1986 von Deutschland nach Santa Barbara ausgewandert. Mein Leben war sehr ruhig, da ich zwischen Santa Barbara und Los Angeles nur 9.600 Meilen gelaufen bin. Bei mir ist alles original, auch der weisse Lack und die schwarze Inneneinrichtung. Wenn ich eines Tages nach Deutschland zurueckkaeme muesste ich dann meine orangenen Blinklichter aendern, die ja auch nachts leuchten? Mein Fahrer ist Iserlohner mit Wohnsitz in Los Angeles. Er passt sehr auf mich auf. Er liebt auch seine Schaeferhuendin, aber die darf nicht mitfahren. Verstehe ich nicht ganz. Zuviel Haare und Naegelkratzen wird mir erklaert.

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    1. Lieber 560SL,

      es freut mich sehr, von dir und deiner Geschichte zu hören! Sehr gern hätte ich dich persönlich kennengelernt, doch der Weg ist sehr weit… Wenn du eines Tages zurückkommen möchtest, so bist du im Sauerland jederzeit herzlich willkommen!! Das mit den Blinklichtern kriegen wir schon irgendwie hin 😉

      Liebe Grüße, unbekannterweise auch an den Ralf und die liebe Schäferhündin, bleib gesund,

      Steffi

      Gefällt 1 Person

    2. Hallo lieber Bruder von Gladys!
      Mit nicht einmal 9.600 Miles bist Du ja vermutlich noch ganz nah am Neuzustand. Schon klar, dass Dein Besitzer Ralf besorgt ist, dass das auch so bleibt und er keine Blessuren oder Kratzer durch die Schäferhündin an Deiner Haut riskieren möchte. Nun ist eine Schäferhündin aber auch etwas größer als unser Brackerich Amar, und im Beifahrerfußraum dürfte es dann tatsächlich schon zu beengt sein.
      Wenn Du eines Tages auch wieder nach Deutschland zurück kommst, dürfen die Sidemarker neben den Hauptscheinwerfern nicht dauerhaft strahlen. Man kann sie aber zu den unteren Blinkern parallel schalten. Außerdem müssen die Scheinwerfereinsätze ausgetauscht werden, da die Sealed-Beam-EInsätze hier nicht zugelassen sind. Die kosten aber nicht mehr als 80 €, wenn man sie selbst austauscht und Du strahlst dann auch heller! 🙂 Die hier notwendige Hauptuntersuchung und das Gutachten fürs H-Kennzeichen sollten dann kein Problem sein und schon darfst Du hier auf die Straßen. Für Deine Brüder und Schwestern aus der 107er Baureihe gibts übrigens ein tolles Forum, wo all diese technischen Fragen erörtert werden und wo auch viele unterwegs sind, die vorher in den USA auf den Straßen waren. Dein Besitzer findet es unter http://www.sternzeit-107.de. Bis dahin alles Gute im schönen Kalifornien – und bleibe möglichst im Schatten! 🙂

      Gefällt 1 Person

      1. Danke fuer die Tips und die schnelle Antwort. Das hoert sich ja relativ einfach an. Zu Gladys‘ kalifornischem Nummernschild noch (im zweiten Bild): es stimmt ueberein mit ihrer Rueckkehr von Florida nach San Francisco im Jahr 2000. Damals war die 4 die fuehrende Zahl in allen Nummernschildern. (Im Moment ist es die 8). Das 1983 urspruenglich zugeteilte Nummernschild fuer Gladys waere blau gewesen mit gelben Zeichen. Auch 1986 waren die Kennzeichen noch blau mit gelben Buchstaben. Ich trage meines mit Stolz, weil man sie kaum noch sieht. Ich freue mich, dass ich Gladys kennen lernen konnte.

        Gefällt 2 Personen

  2. Das ist ja eine interessante Hintergrund-Information zu den Kennzeichen! Besten Dank dafür! 🙂 Diese Info belegt dann auch die Aussagen der Vorbesitzerfamilie und der vorliegenden Dokumente zu Gladys‘ Historie. Übrigens: Iserlohn war ja bis 1975 ein eigener Kreis mit eigenem Kennzeichen „IS“. Dazu gehörte auch Schwerte, wo ich her komme. Stand 2019 gab es noch 171 zugelassene Fahrzeuge mit dem alten Kennzeichen „IS“ für Iserlohn. Da es in vielen Kreisen es heute die Option gibt, wieder ein Kennzeichen mit den alten Kennungen zu beantragen, hat sich auch im Raum Iserlohn eine entsprechende Bürgerinitiative gebildet, die sich dafür einsetzt. Bislang hat der Kreistag das aber für alle alten Kennzeichen abgelehnt.

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