NEUSTART IM „SCHNÖGGEL“

ODER: WENN EINE TÜR ZU GEHT…

Wenn deine Oma auch so war wie meine, dann hast du diesen Satz bestimmt auch schon oft gehört: Sei kein Schnöggel! Gemeint war natürlich, dass du essen sollst, was auf den Tisch kommt. Im Sauerland ist das ein Wort mit Geschichte – ein liebevoller Hinweis darauf, nicht allzu wählerisch zu sein. Heute, viele Jahre später, hat dieses Wort in Iserlohn einen ganz neuen Klang bekommen. Dort gibt es ein Restaurant, das genau so heißt – „Schnöggel“. Und statt Ermahnung steht es hier für Genuss, für Menschen wie dich, die gutes Essen zu schätzen wissen und mit allen Sinnen genießen möchten… Eben dieses „Schnöggel“ hat sich in einem über 200 Jahre alten, liebevoll restaurierten Gebäude eingerichtet, das schon selbst eine Geschichte erzählt. Ursprünglich als Projekt für Langzeitarbeitslose gestartet, ist daraus ein lebendiges Restaurant mit Charakter geworden. Seit September führt Ludmila Esaulov das Lokal – mit frischem Schwung, Herzblut und einem klaren Fokus auf ehrliche, feine Küche. Wenn du hier Platz nimmst, spürst du sofort, dass Tradition und Genuss keine Gegensätze sind. Vielleicht denkst du dann auch kurz an deine Oma, und daran, dass sie sich über diesen neuen, feinen „Schnöggel“-Gedanken sicher freuen würde:

Ein Haus mit Geschichte

Das Haus, in dem du heute im „Schnöggel“ sitzt, hat schon so einiges erlebt. Untersuchungen zeigen, dass Teile des Holzes aus dem Jahr 1773 stammen. Ob das gesamte Gebäude damals schon stand, lässt sich nicht mehr sagen – sicher ist nur: Es liegt unweit der Bauernkirche, dem ältesten Bauwerk der Stadt Iserlohn, und war einst von einem Friedhof umgeben. Hier, in diesen Mauern, findest du ein Stück Stadtgeschichte.

Fotos: Postkarte ohne Verlagsangabe / Stadtarchiv Iserlohn, Postkarte Verlag Ernst Bischoff, Iserlohn / Stadtarchiv Iserlohn

2017 entstand eine neue Idee: Zusammen mit der „Arbeiterwohlfahrt“ überlegte die „Iserlohner Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft“, wie man das alte Fachwerkhaus sinnvoll nutzen könnte, und beschloss, daraus ein Gastronomieprojekt zu machen, das nicht nur kulinarisch, sondern auch sozial etwas bewegen sollte. Menschen aus der Langzeitarbeitslosigkeit sollten hier eine neue Perspektive bekommen. Eine Verbindung aus hochwertiger Gastronomie und sozialem Engagement – im Sauerland damals ein echtes Pionierprojekt.

Foto: IGW – Iserlohner Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft GmbH

Zwei Jahre später begannen die umfangreichen Bauarbeiten. Das alte Fachwerk wurde kernsaniert, ein moderner Neubau im hinteren Teil ergänzt. Viel Geld floss in die Instandsetzung – ein Kraftakt, der sich gelohnt hat. Nach und nach entstand ein Ort, der Geschichte atmet und gleichzeitig offen ist für Neues.

Fotos: IGW – Iserlohner Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft GmbH

2020 feierten IGW, AWO und Jobcenter Eröffnung, fünf Jahre lang war das „Schnöggel“ in der Iserlohner Südstadt aktiv – ein Ort der Begegnung, der Menschen zusammenbrachte, die eine zweite Chance suchten. Doch 2025 war Schluss: Gelder wurden gestrichen, die Personalsituation änderte sich, das Projekt ließ sich nicht mehr fortführen. Am 1. August schloss das „Schnöggel“ seine Türen.

Wenn eine Tür zugeht, dann geht eine andere auf! Genau das beschreibt Ludmila Esaulovs Geschichte. Sie hatte schon länger den Traum, ein eigenes Café zu eröffnen. Ihr Schwiegersohn und ihre Tochter führen den „Jägerhof“ in Hemer – dort hat sie die Gastronomie lieben gelernt. Eigentlich wollte sie den Traum von einem eigenen Café in Hemer starten, eine passende Location war auch schon gefunden, aber dann ging der Plan doch nicht auf…

Ludmila Esaulov hat ein bewegtes Leben hinter sich: Gelernte Schneiderin, 15 Jahre bei „Tupperware“ beschäftigt, später Dolmetscherin bei der „Diakonie“ und Fahrerin beim hausärztlichen Notdienst der „Johanniter“. Im Mai kündigte sie ihren Job – ohne zu wissen, was kommt. Schließlich war der Traum vom eigenen Café noch nicht ausgeträumt. Und tatsächlich: Nur wenige Tage später erfuhr Ludmila von einer Bekannten, dass das „Schnöggel“ schließen würde. Sie wohnt in Iserlohn, kannte das Haus und spürte sofort: Das ist meine Chance.

Sie bewarb sich, überzeugte die Verantwortlichen und unterschrieb Ende Juli den Mietvertrag. Und so wurde aus dem Schließen einer Tür ihr persönlicher Neuanfang. Am 1. September eröffnete sie das „Schnöggel“ neu – ihr erstes eigenes Café und Restaurant… Ludmila ist Mutter von sechs Kindern. Andere holen sich, wenn die Kinder aus dem Haus sind, vielleicht einen Hund – sie hat sich ein Restaurant geholt. Stillstand? Kennt sie nicht. Sie sagt selbst: Sie muss das nicht machen, sie will es machen. Und du spürst sofort, dass ihr Herz dafür schlägt.

Heute ist Ludmila alleinige Geschäftsführerin, arbeitet aber weiterhin mit der AWO zusammen. Soziales Engagement bleibt ihr wichtig – sie ist Mitglied im Integrationsrat und unterstützt die Ukraine-Hilfe. Aktuell hängen im „Schnöggel“ die Bilder eines ukrainischen Mädchens, das nach einem tragischen Unfall mit dem Malen begann. Die Werke sind ausdrucksstark, berührend und können auch gekauft werden.

Am Gebäude selbst musste Ludmila kaum etwas verändern: Alles in bestem Zustand, charmant und atmosphärisch. Nur ein bisschen neue Deko, eine freundlichere Theke – und schon hat sie dem Ganzen ihre persönliche Note gegeben.

Dass sie das Restaurant zunächst für einen Monat geschlossen hielt, war bewusst: Sie wollte, dass die Gäste verstehen, dass das „Schnöggel“ jetzt etwas Neues ist – und das zeigt sich schon auf der Speisekarte:

Sei ein Schnöggel!

Denn was Ludmila und ihr Kochteam hier auf die Teller bringen, ist alles andere als gewöhnlich. Gemeinsam mit einem hervorragenden Koch hat sie eine komplett neue Karte entwickelt – von der alten blieb nichts übrig. Keine Pommes, kein Schnitzel, keine Standardgerichte. Stattdessen: Schmorbraten in Altbiersauce, Lachs mit Pak Choi, Linguine oder Antipasti, Garnelen oder Heringsstipp – bodenständig und doch fein, vertraut und trotzdem besonders.

Bis 17 Uhr gibt’s Snacks und Tagesgerichte, danach warme Hauptspeisen. Und immer wieder überraschen Specials, die über die sozialen Medien angekündigt werden – zum Beispiel zarte Rippchen oder saisonale Kreationen. Die Karte ist bewusst klein gehalten, aber mit Liebe durchdacht. Qualität steht über Quantität – lieber weniger, aber richtig gut.

Wenn du durch das alte Fachwerk gehst, entdeckst du gemütliche Sitzecken, kleine Nischen, abgetrennt durch Holzbalken, die Geschichten aus Jahrhunderten erzählen. In der oberen Etage finden auch geschlossene Gesellschaften Platz – perfekt für kleine Feiern, Treffen oder einfach einen besonderen Abend.

Hier spürst du, was das Wort „Schnöggel“ heute bedeutet: Es geht nicht um wählerisch sein, sondern um bewusst genießen. Um gute Zutaten, ehrliche Küche und die Freude, sich etwas Gutes zu tun. Und wer weiß – vielleicht hörst du beim nächsten Bissen doch kurz die Stimme deiner Oma im Ohr. Nur diesmal mit einem Lächeln: Jetzt bist du wohl doch ein richtiger Schnöggel geworden…

Schnöggel, Cafe und Restaurant, Ludmila Esaulov, Am Zeughaus 14, 58644 Iserlohn

https://www.schnoeggel.de/

https://www.instagram.com/schnoeggel.restaurant/

https://www.facebook.com/share/1C1kNWsBo6/

Die Fotos von Speisen wurden mit freundlicher Unterstützung von Ludmila Esaulov zur Verfügung gestellt.

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