ODER: WINNETOU IST ZURÜCK…
Wenn du Mitte Juni durchs Sauerland fährst, spürst du es vielleicht schon – da liegt etwas in der Luft. Ein Hauch von Abenteuer, von Lagerfeuerromantik und großen Geschichten. Und es gibt Begegnungen, die gehören einfach zum Sommer dazu, so wie Eis in der Sonne, Staub auf den Stiefeln und das erste donnernde Hufgetrappel auf der Naturbühne in Elspe… Für mich ist es längst zur Tradition geworden, das Gespräch mit Jean-Marc Birkholz, Winnetou höchstpersönlich. Es ist mein ganz persönlicher Startschuss in die neue Festspiel-Saison. Dieses Jahr haben wir uns in Wildewiese getroffen – zwischen Wiesen, Wind und Weitblick – und natürlich ging es um das große neue Abenteuer „Winnetou und Old Firehand – Im Tal des Todes“, das am 21. Juni Premiere feiert:
Am Ende entsteht die typische Elspe-Magie
Wieder einmal ist ein Jahr vergangen… Wie geht es dir heute, wenn du zurückblickst? Und was hat dich in den letzten zwölf Monaten besonders bewegt oder verändert?
Leider hat sich nicht so viel an der Situation in der Welt verändert, manches ist sogar noch schlimmer geworden… Natürlich denke ich viel darüber nach, weil es mich direkt betrifft – wir haben immer noch unsere Wohnung in Belarus, in die wir momentan nicht zurückkönnen. Aber andere verlieren noch viel mehr. Das versuche ich mir vor Augen zu halten. Damit relativiert sich vieles. Ich verfolge die Nachrichten jeden Tag, habe aber meinen Optimismus nicht aufgegeben. Ich glaube an das Gute, und wenn man genau hinschaut, sieht man es auch immer irgendwo.

Nun bist du zurück in Elspe. Nimm uns doch mal mit durch den Ablauf der Proben für „Winnetou und Old Firehand – Im Tal des Todes“. Wie startet ihr mit der Arbeit an einem neuen Stück, wie bekommt ihr es schließlich hin, dass so viele Schauspieler, Statisten und Pferde Hand in Hand arbeiten.
Einige Monate vor dem ersten Probentag bekommen wir das fertige Stück zugeschickt. Ab diesem Moment können wir uns also schon ein Bild unserer Rollen machen und die Texte lernen. Noch bevor aber alles losgeht, steht der Kontakt zu unseren vierbeinigen Kollegen an, mit denen wir Ausritte machen oder einfach Zeit verbringen. Schließlich verbringen wir die meiste Zeit auf der Bühne mit ihnen. Da ist eine vertrauensvolle Bindung wichtig. Je nach Aufwand des Kostüms treffen wir uns auch schon Wochen vorher mit der Kostümabteilung um alles anzupassen. Wenn dann die Proben endlich losgehen, läuft es fast wie geschmiert. Alles ist genau eingeteilt, es gibt Pläne für jeden Reiter, jeden Kleindarsteller und alle anderen. Dann wird von der ersten Szene an durchgeprobt. Große, aufwändige Szenen mit vielen Explosionen werden separat geprobt, damit nichts passiert und sich Pferde und Menschen an die Abläufe gewöhnen können. Am Ende entsteht die typische Elspe-Magie!
Zwischen Requisiten, Reitstiefeln und Drehbuch: Was war der ungewöhnlichste Ort, an dem du je deinen Text gelernt hast, und gibt es Techniken, die für dich beim Textlernen besonders gut funktionieren?
Ich lerne gerne auf meinen Reisen zum nächsten Arbeitsplatz – im Flugzeug oder im Zug. Da schaue ich immer wieder in die Geschichten rein, die erzählt werden sollen, um ein Verständnis für das Ganze zu bekommen und zu verstehen, welche Funktion meine Rolle in dieser Geschichte hat. Damit erklärt sich vieles schon von selbst und der Text lernt sich so viel leichter. Das Lernen selbst ist Fleißarbeit.

Kurz bevor du auf die Bühne gehst – was passiert in dir in diesen letzten Sekunden? Gibt es ein inneres Ritual, einen Gedanken oder einfach nur Adrenalin?
Pures Adrenalin! Das ist schon bei den Proben so und ändert sich auch nicht. Ich bin da eher introvertiert. Der spannendste Moment ist es, dann rauszugehen – vor das Publikum. Das ist eine Form der Überwindung, der Moment, sich das erste Mal dem Publikum zu stellen. Und dabei ist es vollkommen egal, wie viele Zuschauer es sind. Aber die zu überzeugen und zu begeistern, das ist die Challenge, die ich immer wieder meistern möchte.

Apropos Publikum: Gibt es Vorstellungen, an denen du besonders spürst, wie die Stimmung der Menschen dich trägt?
Wenn das Publikum begeistert ist, spürt man diese Energie auch auf der Bühne. Das trägt dich wie ein unsichtbarer, fliegender Teppich durch die ganze Vorstellung. Wenn beide Seiten befriedigt nach Hause gehen, weil sie ähnlich fühlen, dann ist es für mich perfekt.
Du hast einmal gesagt, dass jede Winnetou-Saison anders ist. Welche neuen Seiten an der Figur – oder vielleicht an dir selbst – hast du dieses Jahr entdeckt?
Winnetou kämpft natürlich auch in diesem Jahr wieder für Frieden und Gerechtigkeit, insofern ändert sich das nicht, aber er kämpft dieses Mal nicht an der Seite seines Blutsbruders Old Shatterhand, sondern mit Old Firehand, der auch seinen Sohn Harry dabei hat. Das gibt noch einmal ein ganz anderes Beziehungsgeflecht, weil man buchstäblich auf die nächste Generation schaut. Diesmal in der Person des kleinen Luke Messerschmidt, der den Harry mit großer Spielfreude verkörpert. Es ist eine besondere Verantwortung, sein Wissen zu teilen, ohne wie ein belehrender Opa zu wirken. Tim Forssman an meiner Seite ist ein Vorzeige-Old Firehand. Auch wenn Winnetou also in diesem Jahr ohne Old Shatterhand auskommen muss, ist er von guten Begleitern umgeben.

Einige Gesichter auf der Bühne kennst du schon seit vielen Jahren, andere sind ganz neu dabei. Wie fühlt es sich an, jedes Jahr mit dieser besonderen Mischung aus vertrauten Kollegen und frischen Impulsen in eine neue Geschichte zu starten?
Ich freue mich immer auf neue Menschen. Die Reiter und Schauspieler werden im Vorfeld danach ausgesucht, ob sie ins Team passen. Darum kann man sich eigentlich fast blind darauf verlassen, dass man gut miteinander zurechtkommt. In jeder Saison entwickeln sich neue Freundschaften, das war im letzten Jahr so und es wird auch in diesem Jahr wieder so sein.

Wenn Winnetou real wäre und du ihm eine einzige persönliche Frage stellen dürftest: Was würdest du wissen wollen?
Wer war deine Mutter?
Du hast die unterschiedlichsten Charaktere gespielt. Wenn du für eine Woche in das Leben einer deiner Figuren schlüpfen dürftest – welche Rolle würdest du wählen? Und was würdest du in dieser Woche erleben wollen?
Da ich im Film oft die dunkleren Charaktere verkörpere, wäre ich in diesem Fall lieber Winnetou, der jeden Autokraten und jeden Diktator dieser Welt zum Zweikampf herausfordern würde. Ich würde sie gerne an die Stelle ihres Volkes stellen und sie in dieser Woche spüren lassen, wie es sich unter ihnen selbst lebt. Selbstverständlich würde Winnetou die Zweikämpfe gewinnen! 😊

Gab es in deiner Karriere eine Szene, ein Textfragment oder eine Begegnung, die dich persönlich verändert oder lange begleitet hat?
Ja, das Aufeinandertreffen mit meiner Frau. Zum ersten Mal traf ich sie 2012 bei Dreharbeiten und 2017 wieder bei einem Filmprojekt. 2018 haben wir geheiratet und gehen seitdem gemeinsame Wege.

Stell dir vor, du sitzt mit deinem jüngeren Ich bei einem Kaffee: Was würdest du ihm sagen?
Versuche nicht den Leuten zu gefallen – sei du selbst. Sorge dich nicht zu sehr um die Zukunft. Es kommt immer alles anders. Und weißt du was? Alles wird gut!
Zwischen Dreharbeiten, Bühnenproben und Terminen: Wann hast du zuletzt ganz bewusst gar nichts getan und wie hat sich das für dich angefühlt?
Eigentlich tue ich immer etwas. Und das fühlt sich gut an.

Was war der letzte Moment, der dir so sehr unter die Haut ging, dass du eine echte Gänsehaut hattest – ob auf der Bühne oder im echten Leben?
Ich habe bei einer meiner Thailandreisen einen thailändischen Freund gefragt, wie es sich für ihn anfühlt, wenn der Apotheker Lippenstift und lackierte Fingernägel trägt oder die Smoothie-Verkäuferin ein Ladyboy ist. Er gab mir die einzig richtige Antwort darauf: „Wie soll sich das anfühlen? Das sind doch unsere Leute! Die gehören zu uns. Das ist normal. Also fühlt es sich normal an!“ Da hatte ich Gänsehaut. Respekt und Achtsamkeit. So sollte es immer und überall sein.
Und was hat dich zuletzt so sehr zum Lachen gebracht, dass du Tränen in den Augen hattest, aus dem Bauch heraus, ganz unkontrolliert?
Ich habe meinem Elspe-Kollegen Oli Fleischer meinen sympathischsten Gesichtsausdruck gezeigt. Daraufhin lachte er minutenlang Tränen, und ich dann auch… Wir konnten nicht mehr aufhören. Deshalb gehe ich jetzt sparsamer mit sympathischen Gesichtsausdrücken um. 😉

Wann ist ein Tag für dich wirklich gelungen? Was braucht es, damit du abends sagen kannst: Das war rund?
Tiere zu beobachten, wenn sie unbekümmert, aber mit Dringlichkeit ihren Bedürfnissen oder Instinkten nachgehen, macht mich glücklich. Ein Gespräch mit der Familie, Freunden oder Fremden. Vor allem aber macht Lachen – laut oder leise, einen Tag für mich rund.

Gibt es etwas, worauf du im Stillen richtig stolz bist, auch wenn du es selten laut aussprichst?
Dass Menschen sich mir anvertrauen und spüren, dass ich niemals etwas davon weiter erzählen würde.
Und zum Abschluss: Wenn du im Sauerland deinen ganz persönlichen Kraftort gestalten dürftest, wie würde er aussehen? Und was müsste unbedingt dort sein, damit du dich zuhause fühlst?
Wenn meine Frau dabei ist, ist es überall schön.

In drei Tagen ist es endlich so weit – dann fällt in Elspe der erste Schuss, das erste Pferd galoppiert über die Bühne und „Winnetou und Old Firehand – Im Tal des Todes“ feiert Premiere. Ich werde natürlich dabei sein und freue mich schon riesig auf diesen besonderen Tag zwischen Pyrotechnik, Pferdestärken und ganz viel Herz. Falls du den Auftakt verpasst: Keine Sorge. Gespielt wird das Stück noch bis zum 7. September und ein Besuch lohnt sich, versprochen. Vielleicht sieht man sich ja im Tal des Todes…
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Die beiden Fotos mit seiner Frau Valya wurden mit freundlicher Unterstützung von Jean-Marc Birkholz zur Verfügung gestellt.

Sehr cooles Interview. Ich freue mich auch schon total wenn ich in Elspe bin und mir die Show anschauen darf. Den sympathischen Gesichtsausdruck würde ich auch gerne mal sehen!
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Vielen lieben Dank für das schöne Feedback – ich freue mich sehr! LG Steffi
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