ODER: MEHR ALS EINE FASSADE…
Du siehst sie schon von weitem. Die „Villa Cosack“ steht da, strahlend weiß, imposant, fast selbstverständlich mitten in Arnsberg. Eine Fassade, die Licht einfängt und Blicke hält. Vielleicht bist du schon einmal langsamer geworden, hast kurz innegehalten, warst begeistert von dieser Erscheinung. Doch das hier ist keine Geschichte über Außenwirkung. Nicht wirklich. Denn während du draußen noch vor diesem prachtvollen Gebäude stehst, passiert drinnen etwas ganz anderes. Etwas Leises. Behutsames. Die Villa hat sich verändert – nicht um zu beeindrucken, sondern um wieder Raum zu geben. Raum für Menschen, für Gefühle, für besondere Augenblicke. Möglich wurde das durch jemanden, der genau hingehört hat. Selim Balikcioglu aus Freienohl hat der „Villa Cosack“ nicht einfach neues Leben eingehaucht – er hat ihr zugehört. Ihrer Geschichte, ihrer Wirkung, ihrem Potenzial. Mit viel Feingefühl und einer klaren Vision ist im Inneren etwas entstanden, das nicht laut sein muss, um zu berühren. Und genau dorthin möchte ich dich jetzt mitnehmen:
Zwischen Geschichte und Neubeginn
Die „Villa Cosack“ blickt auf eine lange Geschichte zurück. Um 1884 begann ihr Bau, 1890 wurde sie fertiggestellt. Sie war Winterresidenz der Unternehmerfamilie Cosack aus Hamm, während der Sommer auf dem gleichnamigen Rittergut in Oeventrop verbracht wurde. In den 1960er-Jahren wechselte das Haus den Besitzer, später gehörte es einer Erbengemeinschaft mit fünf Geschwistern. Schließlich wurde das Haus nur noch bewohnt, aber nicht mehr geschätzt.

Und dann kam Selim. Geboren in der Türkei, an der Grenze zu Syrien, kam er mit zwei Jahren nach Deutschland. Vor 25 Jahren arbeitete er – damals gerade 17 – als Kellner in einer Kneipe direkt gegenüber der „Villa Cosack“. Jedes Wochenende fuhr er mit dem Bus von Freienohl nach Arnsberg. Die Bushaltestelle lag direkt vor diesem Haus. Und jedes Mal stellte er sich dieselbe Frage: Warum investiert hier niemand?

Die Villa war zu dieser Zeit ziemlich heruntergekommen. Und doch ließ sie ihn nicht los. Zwei, drei Jahre lang waren diese Gedanken ständige Begleiter, jedes Wochenende, jedes Vorbeikommen. Dann ging Selim seinen Weg. Ausbildung, Arbeit, schließlich die Gründung einer Spedition in Meschede. Die „Villa Cosack“ geriet in Vergessenheit.

Bis vor fünf Jahren. Plötzlich stand sein Haus – das, an das er so oft gedacht hatte – zum Verkauf. Für Selim war sofort klar: Er wollte es kaufen. Nach langem Hin und Her mit dem Eigentümer klappte es schließlich. Selim war der einzige Interessent, der sich an ein solches Projekt herantraute.



Er liebte Denkmäler, Handwerk und Nachhaltigkeit – Materialien, Bausubstanz, zeitlose Architektur. Zu diesem Zeitpunkt war er noch nicht einmal im Haus gewesen. Aber Erfahrung hatte er. 2012 hatte er bereits das „Amt Hüsten“ gekauft und aufwendig saniert – ein Gebäude, das wie ein altes Schloss wirkt, doppelt so groß ist wie die „Villa Cosack“ und rund 120 Jahre alt. Dort hatte Selim seine Leidenschaft entdeckt: Alten Häusern neues Leben zu schenken. Heute vermietet er dort Wohnungen.

Die Liebe zur „Villa Cosack“ war also längst da. Die Erfahrung auch. Und die Bereitschaft, jede Minute und jeden Cent in dieses Haus zu investieren. Fünf Jahre Bauzeit folgten. Fünf Jahre voller schlafloser Nächte. Bürokratie. Denkmalschutz. Statik. Nutzungsänderungen. Über 150 Handwerksfirmen waren beteiligt, weit über 200 Menschen insgesamt – viele davon bewusst aus der Region. Alles musste koordiniert, abgestimmt, zusammengehalten werden.

Manches fühlte sich an wie ein Fass ohne Boden. Kaum war etwas geöffnet, kamen neue Schäden zum Vorschein. Wasserschäden. Unerwartete Kosten. Steigende Preise durch den Ukraine-Krieg. Selim zog es trotzdem durch. Für ihn ist jedes Problem eine Herausforderung, die Suche nach einer Lösung. Er blieb tiefenentspannt. Und sagt heute: Er bereut keinen Cent. Und keine Sekunde. Selim ist allerdings ein Perfektionist. 105 Prozent. Wenn etwas gemacht wird, dann richtig – bis zum letzten i-Tüpfelchen. Es hätte auch kleiner gehen können. Aber nicht für dieses Haus.

Treppenhäuser. Foyer. Türen – allen voran die Eingangstür. Holzfasertapeten, die eigentlich kunstvolle Verkleidungen aus geschnitztem Holz sind. Decken, die wieder so aussehen wie früher. Alles, was erhalten werden konnte, wurde erhalten. Wo nichts mehr da war, brachte Selim seine eigene Vision ein. Viele Türen waren zerstört, Schnitzereien entfernt, mit Holzplatten verkleidet und überstrichen. Was möglich war, wurde aufwendig restauriert. Entstanden ist eine Mischung aus Historie und nachhaltiger Moderne. Ende 2025 konnte schließlich das Erdgeschoss für Events öffnen. Und ich kann es vorwegnehmen – es ist das perfekte Ergebnis geworden, und zwar zu 105 Prozent:
Aus Vergangenheit wird Möglichkeit
Alle vier Stockwerke der „Villa Cosack“ wurden aufwendig renoviert. In den oberen Etagen befinden sich vier Wohnungen, die Selim seit vergangenem Sommer vermietet, dazu eine kleine Ferienwohnung – perfekt gelegen, mitten in Arnsberg.

Doch Selim wollte nicht, dass dieses Haus nur privat genutzt wird. Ein Teil sollte für die Öffentlichkeit bleiben. Deshalb entstand im Erdgeschoss eine Eventfläche mit Trauzimmer und zwei großzügigen Räumen, die zudem Zugang zu einer 150 Quadratmeter großen Dachterrasse bieten – mit Blick auf die Altstadt, urbanem Flair und baldiger Möblierung. Das Geländer der Dachterrasse wurde in der Schmiede der „Abtei Königsmünster“ gefertigt. Eine voll ausgestattete Küche schließt sich an. Alles ist da für deine Feier, deine Ausstellung, dein Event, dein Seminar, deinen Workshop. Du kannst alles selbst organisieren – oder dich von einer Eventplanerin unterstützen lassen, mit der Selim zusammenarbeitet.

Und nun nehme ich dich aus der Gegenwart mal mit durch die Reise der vergangenen fünf Jahre: Der Stuck war damals übermalt, teilweise abgeschlagen. Zwei Stuckateure arbeiteten zwei Jahre lang daran, ihn zu restaurieren. Der Fortschritt war kaum sichtbar, manchmal nur meterweise pro Woche.


Im Trauzimmer entdeckte Selim zufällig, dass die Raumhöhe nicht stimmen konnte. Mit Leiter und Hammer entfernte er eine Zwischendecke aus Rigips – und legte eine alte Deckenmalerei frei. Zwar stark beschädigt, aber rettbar.

Vier Kirchenrestauratorinnen aus Paderborn arbeiteten sechs Wochen daran, auf Rollwagen unter der Decke, bis ins kleinste Detail. Heute sieht sie wieder aus wie früher.

Auch die Möbel sind durchdacht. Für die Trauungen gibt es einen großen Tisch mit feinen Details: Ein Herz aus Walnussholz für die Braut, kleine Fliegen für den Bräutigam. Familien saßen zwei Wochen Probe, bevor Selim sich für den finalen Entwurf der Stühle entschied. Nachhaltig, langlebig, ästhetisch – passend zum Haus.

Ein Türenbauer, der auch für die Elbphilharmonie gearbeitet hat, fertigte neue Eichentüren. Andere Türen wurden aufwendig aufgearbeitet, teils über zwei Jahre hinweg.

Eine neue Treppe verbindet den Eventraum mit der Dachterrasse – sie ist Zugang, Sitzgelegenheit und Bühne zugleich und verleiht dem Raum eine ganz eigene Atmosphäre. Selbst die Fußleisten erzählen Geschichten: 150 Jahre alte Eichenbohlen aus einer Scheune eines Landwirts in Osnabrück wurden dafür verwendet.

Die Zementfliesen stammen aus dem Baujahr. Fehlende und beschädigte Exemplare suchte Selim überall. „Villeroy & Boch“, der ursprüngliche Hersteller, hätte sie nachgebaut – zu horrenden Preisen. Schließlich fand Selim bei Kleinanzeigen am Bodensee zwei Bananenkisten voller Originalfliesen. Ein LKW seiner Spedition war zufällig in der Nähe. Die Fliesen wurden abgeholt, einzeln gereinigt und poliert. Heute erstrahlt das Foyer wieder.

Bei den Leuchten suchte Selim ebenfalls lange – nichts aus dem vorhandenen Sortiment passte. Auch hier wurde jedes Detail bedacht. Skulpturen aus Holz eines benachbarten Künstlers ergänzen das einzigartige Ambiente. Und wie du ja schon von außen siehst: Auch die Fassade wurde schließlich vollständig erneuert und zeigt sich heute wieder strahlend im ursprünglichen Neo-Renaissance-Stil.

Das Trauzimmer ist bereits stark gefragt: Ende des Jahres wurden die ersten Termine veröffentlicht, zehn Buchungen kamen innerhalb von vier Wochen zustande – viele davon mit anschließender Feier in den Räumlichkeiten der „Villa Cosack“. Die Vorteile liegen auf der Hand: Alles an einem Ort, keine Wege, ganz unter sich.

Viele Arnsberger kennen die „Villa Cosack“ nur von außen, sind aber gespannt darauf, wie es im Inneren wohl aussieht. Deshalb nimmt Selim regelmäßig am „Tag des offenen Denkmals“ teil und plant acht bis zwölf eigene Veranstaltungen im Jahr: Lesungen, Konzerte, Tastings, italienische Abende im Hof oder einen Sonntagsbrunch.

Nächsten Sonntag, also am 08. März, öffnet die „Villa Cosack“ nun ihre Türen zum „Tag des offenen Hauses“. Von 13 bis 17 Uhr kannst du ohne Voranmeldung vorbeikommen. Es gibt Klaviermusik, Gelegenheit für Gespräche mit Selim, Zeit zum Umschauen, dazu Leckereien und Getränke. Die Einnahmen werden an Arnsberger Vereine gespendet.

So viele Details – und doch könnten dieser Blogpost und auch das Gespräch mit Selim noch ewig weitergehen. Denn hinter wirklich jedem einzelnen Bauteil steckt eine eigene Geschichte. Fest steht: Das Haus hat den Richtigen gefunden. Und der Richtige hat das Haus gefunden. Fast abrissreif – und nun voller Würde. Bereit, wieder mit Leben gefüllt zu werden…

Villa Cosack, Selim Balikcioglu, Brückenplatz 5, 59821 Arnsberg
https://www.instagram.com/villa_cosack/
Die Fotos mit Ausnahme der Bilder von Selim und der beiden Fotos vom Traumzimmer wurden mit freundlicher Unterstützung von Selim Balikcioglu zur Verfügung gestellt.
