ODER: EINE EINZIGARTIGE KARRIERE…
Vielleicht hast du am Mittwochabend in Attendorn selbst gespürt, wie sich ein Saal in einen kleinen Fußballkosmos verwandeln kann. Plötzlich rücken Menschen zusammen, lachen über dieselben Anekdoten, halten für einen Moment den Atem an, wenn eine Geschichte eine unerwartete Wendung nimmt, und verlieren das Gefühl für die Zeit. „Doppelpass on Tour“ hat im Sauerland Halt gemacht, und wenn du dort warst, hast du sicher gemerkt, wie nah dir Fußball manchmal kommt, selbst wenn du gerade nicht auf einem Rasen stehst. Denn im Mittelpunkt stand Thomas Helmer – Europameister, BVB-Finalheld, Bayern-Abwehrchef, TV-Gesicht – und an diesem Abend vor allem ein Geschichtenerzähler, der dich sofort mitnimmt. Einer, der früher Zweikämpfe geführt hat und heute Dialoge, und darin genauso viel Leidenschaft findet. Ich durfte Thomas Helmer noch vor der Show treffen, vor mir saß kein abgeklärter TV-Experte, sondern jemand, der Freude daran hat, Geschichten zu erzählen, Erinnerungen zu teilen und über den Fußball so zu sprechen, dass du dich als Zuhörer abgeholt fühlst:
Wenn wir zusammenhalten, können wir alles erreichen
Herr Helmer, wenn Sie auf Ihre aktive Karriere zurückblicken – welches Spiel bleibt Ihnen bis heute besonders in Erinnerung?
Nur eins? Man sagt ja immer, dass einem das erste Bundesligaspiel besonders im Gedächtnis bleibt, aber das kann ich von mir nicht behaupten. Das war mit Arminia Bielefeld auf Schalke – wir haben 3:0 verloren, und ich hatte gefühlt zehn Ballkontakte. Das war nun wirklich kein Highlight … Das Pokalfinale 1989 mit Borussia Dortmund in Berlin gegen Werder Bremen, das wir als Außenseiter mit 4:1 gewonnen haben, schon eher. Das war mein erster Vereinstitel, im ausverkauften Olympiastadion – eines der Spiele, an das ich mich bis heute sehr gern erinnere. Und natürlich das Halbfinale und Finale der EM 1996 in England. Das war Wahnsinn, das Golden Goal im Finale wirklich einzigartig. Als das Tor fiel, bin ich erst einmal zurückgelaufen, weil ich dachte, dass es einen Anstoß geben würde – wir waren es ja nicht gewohnt, dass das Spiel dann sofort zu Ende ist. Viele werden sich jetzt fragen, warum ich nicht das Phantomtor nenne – klar, auch das vergesse ich nicht, weil ich selbst nach dreißig Jahren noch darauf angesprochen werde.
Sie haben für Borussia Dortmund, Bayern München und die Nationalmannschaft gespielt – wie unterscheiden sich diese Stationen in Ihrer Erinnerung?
Ich bin froh, dass meine Karriere in Stufen nach oben ging – es war eine gesunde, langsame Entwicklung. Zu Borussia Dortmund kam ich, als der Verein fast abgestiegen war, und ich habe im ersten Jahr alle 34 Spiele gemacht. Es war sehr familiär, der Anspruch war damals noch nicht so hoch wie heute. Da hieß es: Gib den Fans und dir selbst das Gefühl, dass du alles gibst, dann verzeihen sie dir auch Fehler. In München war das anders – da durftest du eigentlich nicht verlieren. Der Sprung von Dortmund nach Bayern war für mich sehr groß. Ein halbes Jahr hatte ich echte Probleme, weil viel Druck kam – von den Medien, aber auch intern, von Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Franz Beckenbauer. Der Meistertitel war immer das Ziel. In der Nationalmannschaft setzte sich das fort: Ich kam nach der WM 1990 ins Team, und auch dort war die Erwartungshaltung groß.
Sie wurden 1996 Europameister – wie war die Stimmung innerhalb des Teams damals? Und was hat diese Mannschaft ausgemacht, dass sie am Ende den Titel holen konnte?
Am Anfang war die Stimmung etwas angespannt – wir waren sechs Dortmunder und sieben Bayern-Spieler, da mussten wir erst schauen, ob wir uns vertragen. Aber wir wussten, dass wir nur als Team eine Chance haben. Fußballerisch waren wir nicht die beste Truppe. Unser Spirit war: Wenn wir zusammenhalten, können wir was erreichen. Dieser Spirit trug uns durchs ganze Turnier. Dazu kam, dass sich fast in jedem Spiel jemand so verletzte, dass er nicht mehr weiterspielen konnte – wir wurden also immer weniger, was uns noch mehr zusammenschweißte. Jeder hatte eine Rolle, jeder kam irgendwie zum Einsatz – das war der Schlüssel zum Erfolg. Und die Atmosphäre in den englischen Stadien war einmalig: Die englischen Fans haben applaudiert, obwohl wir ihre Mannschaft geschlagen hatten – sonst undenkbar!

Wenn Sie die aktuelle deutsche Nationalmannschaft sehen – erkennen Sie Parallelen oder Unterschiede zu Ihrer Zeit?
Es ist gut, dass die Stimmung in der Nationalmannschaft wieder besser geworden ist. Es gab eine Phase, in der viele sagten, sie schauen die Spiele nicht mehr – das hat sich geändert. Aber den Fußball an sich kann man nicht vergleichen. Heute ist alles viel schneller und athletischer, und das prägt das gesamte Spiel. Aus Abwehrspielersicht finde ich, dass wir das Verteidigen ein wenig verlernt haben. Es hieß mal: Die Abwehr gewinnt die Titel – und da sehe ich heute bei uns, aber auch bei anderen Nationen Defizite. Und manchmal fehlen mir die „Typen“, die kantig sind und auf dem Platz eigene Entscheidungen treffen, unabhängig vom Trainer. Ich würde mir wünschen, dass die Jungs heute etwas egoistischer sind, mehr Risiko gehen. Aber mit Wirtz und Musiala haben wir tolle, talentierte Spieler – an individueller Klasse mangelt es nicht. Man muss nur schauen, dass sie bestmöglich zusammen spielen. Dafür sollte der Bundestrainer vielleicht ein bisschen weniger experimentieren – die nächste WM ist ja nicht mehr weit..

Der Übergang vom Profisport ins „normale Leben“ ist für viele schwer – wie war das für Sie?
Emotional fiel mir das gar nicht schwer. Als ich entschieden hatte aufzuhören, hatte ich nicht das Gefühl, unbedingt wieder auf den Rasen zu müssen. Das war schnell erledigt. Schwieriger war, dass man plötzlich lernen muss, sein Leben selbst zu organisieren – als Spieler wird einem ja alles abgenommen. Und dann fällt das abrupt weg. Dazu kam, dass ich nichts gelernt hatte: Ich habe zwar Abitur, aber nicht studiert und keine Ausbildung gemacht. Es gab also keinen Beruf, in den ich einfach wechseln konnte. Das war anfangs schon schwer. Das Einzige, was klar war: Ich wollte kein Trainer werden – und dabei ist es bis heute geblieben.

Sie sind heute als TV-Moderator und Fußball-Experte tätig – was reizt Sie an dieser Arbeit?
Am Anfang dachte ich: Ich bleibe einfach in dem Bereich, in dem ich mich auskenne – Fußball. Das gab mir Sicherheit. Mittlerweile finde ich das Spannendste daran, Menschen näher kennenzulernen, im Dialog zu sein. Und damit meine ich nicht WhatsApp-Nachrichten, sondern persönliche Gespräche.
Wie bleiben Sie heute fit und mit dem Sport verbunden?
Das ist gerade eine schlechte Frage, weil mein Knie so wehtut. Davor bin ich regelmäßig laufen gegangen, habe ab und zu bei Charity-Spielen mitgemacht und gern Padel gespielt – das geht seit ein paar Monaten nicht, und das nervt. In meiner Karriere hatte ich keine großen Verletzungen, auch danach nicht. Daher hoffe ich, dass es bald wieder besser wird – es dauert eben nur länger als früher …

Wenn Sie heute noch einmal 20 wären – würden Sie wieder Fußballprofi werden? Und was würden Sie jungen Menschen raten, die eine Karriere im Profisport anstreben?
Wenn man sein Hobby zum Beruf machen kann, ist das etwas Großartiges. Bei mir war das eigentlich nicht vorgesehen – ich habe Kreisliga gespielt, es gab keine U21-Teams oder Nachwuchszentren. Trotzdem würde ich jedem, der die Chance hat, dazu raten. Es gibt nichts Schöneres, als vor vollem Stadion zu spielen, jeden Tag zu trainieren und das zu tun, was man liebt. Eltern fragen mich oft um Rat – und ich sage immer: Trainiert den linken Fuß! Viele sind mit rechts stark, aber links können nur wenige richtig gut spielen. Das sieht man auch in der Nationalmannschaft: Links hinten ist die Position oft vakant. Auch ich bin so weit gekommen, weil mein linker Fuß besser war und nicht so viele Mitbewerber da waren. Giovanni Trapattoni hat nach dem Training Alexander Zickler, Markus Babbel und Carsten Jancker oft den linken Fuß trainieren lassen – und Markus hat mir neulich erzählt, wie sehr er davon profitiert hat. Ein einfacher Rat: Immer den linken Fuß trainieren, auch wenn man den Ball nur gegen die Garagenwand spielt. Und so simpel es klingt: Die Basics im Fußball darf man niemals vergessen!

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des deutschen Fußballs?
Natürlich wünsche ich mir Erfolg – auch für die Nationalmannschaft. Und wie gesagt: Ich wünsche mir wieder mehr „Typen“, für die man ins Stadion geht. Ich glaube, viele Jungs haben dieses Potenzial, aber sie müssen sich auch entwickeln dürfen. Früher gehörte es zur Persönlichkeitsentwicklung, wenn einem nach einem Interview mal etwas um die Ohren flog. Heute wird alles gegengelesen und korrigiert, den Spielern wird vieles abgenommen. Ein Bundesligaverein hat heute zig Trainer, die das Trainingsfeld aufbauen – früher haben die Spieler das selbst gemacht. Das sind Kleinigkeiten, aber sie sind für die Gesellschaft und das soziale Miteinander sehr wichtig. Die Werte sollten wieder mehr im Vordergrund stehen – auch im Fußball.

Sie sind heute mit „Doppelpass on Tour“ in Attendorn. Wie unterscheidet sich die Live-Tour vom klassischen Doppelpass am Sonntagmorgen im TV? Und was gefällt Ihnen persönlich am meisten an diesen Live-Veranstaltungen?
Am meisten gefällt mir die Interaktion mit dem Publikum, die direkten Reaktionen. Und man kann auch mal Geschichten erzählen, die man im Fernsehen nicht erzählen würde – ein bisschen flapsiger, ein bisschen lustiger. Wenn wir Anekdoten von früher erzählen, hören die Leute gespannt zu. Außerdem sind wir viel nahbarer als im Fernsehen. All das trägt zum Erfolg bei – deshalb sind wir mit dem Format nun schon seit fünf Jahren unterwegs.
Sie sind heute im Sauerland zu Gast – waren Sie schon einmal in Attendorn oder in dieser Gegend?
In der Gegend war ich auf jeden Fall schon, ich bin Ostwestfale, das ist ja nicht weit. Aber in Attendorn war ich, glaube ich, noch nie. Das frage ich später auch meine Gäste auf der Bühne – und Peter Neururer auch. Aus Spaß frage ich dann gern, ob er hier mal Champions League gespielt hat – hat er ja nie –, und meistens fällt ihm doch irgendeine Verbindung ein. Das muss aber spontan kommen.

Wie wichtig ist es Ihnen, mit der Tour auch kleinere Städte abseits der großen Arenen zu besuchen?
Ich glaube, genau das ist das Erfolgsrezept – dass wir in die vermeintlich kleineren Städte gehen. Uns ist das Persönliche, die gute Atmosphäre sehr wichtig. Und ein schöner Nebeneffekt für mich ist, dass ich Deutschland wieder richtig kennenlerne. Früher war ich viel mit dem Fahrrad unterwegs, jetzt eben mit Doppelpass. Da sieht man wieder, wie schön unser Land ist – landschaftlich und menschlich. Wir müssen uns wirklich nicht verstecken.

Was nehmen Sie von solchen Abenden mit – gibt es etwas, das Sie persönlich inspiriert oder berührt?
Mit Markus Höhner, den ich liebevoll meinen Chef nenne und der seit Jahren bei Sport1 ist, reflektiere ich eigentlich jeden Abend. Wir frühstücken zusammen und diskutieren, was gut war und was man verbessern kann. Mittlerweile haben wir ein gutes Gespür dafür, wir merken ja, wie Dinge beim Publikum ankommen. Heute ist Matze Knop dabei – er meinte vorhin, dass die Leute immer um Viertel nach zehn gehen. Aber wir machen meist bis halb elf, und selten geht vorher jemand. Also gefällt es ihnen wohl – und das ist eine schöne Bestätigung für uns.

Nach unserem Gespräch blieb bei mir vor allem das Gefühl zurück, jemandem begegnet zu sein, der viel erlebt hat und trotzdem mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit auf all diese Jahre schaut. Thomas Helmer strahlt eine Ruhe aus, die sich nicht aufdrängt, aber im Nachklang wirkt. Seine Erinnerungen, seine kleinen Seitenhiebe, seine Ehrlichkeit – all das zeigt einen Menschen, der den Fußball nie abgelegt hat, aber längst mehr ist als die Summe seiner Titel und Stationen. Vielleicht spürst du beim Lesen etwas von dieser Offenheit, vielleicht hast du an der einen oder anderen Stelle geschmunzelt oder an eigene Fußballmomente gedacht…!?
https://www.instagram.com/thomashelmerofficial/
Die Fotos mit Ausnahme des Titelbildes, des Fotos von Thomas Helmer vor dem Bücherregal und beim Interview mit mir wurden mit freundlicher Unterstützung von Thmas Helmer zur Verfügung gestellt.
