ERZBISCHOF DR. UDO MARKUS BENTZ UNTERWEGS IM SAUERLAND

ODER: WAS ZÄHLT, IST BEGEGNUNG…

Eine Woche lang war Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz unterwegs im Sauerland – zu Fuß am Möhnesee, im Gespräch mit Familien am Biggesee, beim Brunch mit Ehrenamtlichen in Lennestadt… Keine repräsentative Reise, sondern eine der offenen Ohren, denn er wollte hören, was die Menschen bewegt, wie sie auf Kirche blicken, was ihnen Halt gibt. Natürlich ist es andersherum auch spannend, etwas über ihn zu erfahren – den Menschen hinter dem Amt, den Theologen, der lieber zuhört als große Reden zu halten. Wie denkt er über Glauben und Zweifel, über Nähe, Sprache und Hoffnung? In einem Gespräch nach der Heiligen Messe in Lennestadt-Kirchveischede hat er mir darauf Antworten gegeben:

Gott ist ein Geheimnis, aber kein Rätsel

Herr Erzbischof, wenn Sie auf Ihren Lebensweg schauen – wann war der Moment, in dem Sie gespürt haben: Ich will Priester werden? Und welche Menschen oder Erfahrungen haben Ihre Entscheidung damals besonders geprägt?

Dieser Moment kam bei mir erst recht spät. Kurz vor dem Abitur hatte ich noch keine richtige Idee, was ich machen möchte – mich haben betriebswirtschaftliche Zusammenhänge interessiert, und meine Eltern haben mir empfohlen, zunächst einmal eine Ausbildung zum Bankkaufmann zu machen. Während dieser Zeit hatte ich Kontakt zu Gleichaltrigen, die in der Fokolarbewegung waren. Wir haben viel in der Freizeit gemeinsam gemacht, aber wir haben auch jede Woche zusammen gesessen, das Evangelium gelesen und uns gefragt, was das ganz konkret damit zu tun hat, was wir in dieser Woche erlebt haben. Es war für mich sehr faszinierend zu erleben, wie eng der Glaube mit dem alltäglichen Leben verwoben ist. Das hat mich wirklich gepackt! Im zweiten Jahr meiner Ausbildung war dann für mich klar, dass ich Theologie studieren möchte, und bin dann nach der Ausbildung ins Priesterseminar gegangen.

Ihr Lebenslauf zeigt: Sie haben sich früh sowohl theologisch als auch seelsorglich engagiert. Was hat Sie an der Arbeit mit Menschen immer besonders berührt?

Das war der Gedanke, mit jungen Leuten über Gott zu sprechen und zu sehen, dass das Evangelium dabei hilft, gut zu leben… Im Studium hat sich das verstärkt, ich wollte einen Beruf, wo ich möglichst viel mit Menschen zusammen bin. Meine allererste Stelle hatte ich als Kaplan in Worms, das war eine sehr große Pfarrei, und ich war zuständig für alles, was mit Jugendarbeit zu tun hat. Das war eine unglaublich prägende und lebendige Zeit, weil die jungen Leute mich zwar auch herausgefordert haben, aber da ist etwas gewachsen – so miteinander Kirche sein, dass tragfähige Beziehungen entstehen, die offen sind für Gott.

Wo endet Theologie, und wo beginnt das Staunen?

Bei mir war es zuerst das Staunen, dann habe ich angefangen, nachzudenken und zu fragen, und erst dann ist die Theologie gekommen. Irgendwann kommt man dann zu einem Punkt, dass man erkennt, dass Gott ganz anders ist, viel größer als das, was ich mir an guten, notwendigen Gedanken machen kann. Karl Rahner hat mal gesagt: „Wer meint, Gott verstanden zu haben, hat ihn nicht verstanden.“ Gott ist ein Geheimnis, aber nicht ein Rätsel, das irgendwann gelöst werden kann.

Viele Menschen suchen heute Sinn, aber nicht unbedingt Religion. Wie erreicht die Kirche in einer zunehmend säkularen Gesellschaft die Herzen der Menschen?

Durch Nähe und durch Begegnung! Indem wir als glaubende Menschen erzählen, warum Gott für uns wichtig ist, kommen andere Menschen ins Nachdenken. Das ist das eine, das andere aber ist – und das war schon in der frühen Kirche immer sehr wichtig –, dass wir auch konkret anders leben. Menschen fragen dann: Warum lebst du so? Was sind deine Werte, deine Überzeugungen? Und wenn wir dann Antworten geben, machen sich die Menschen Gedanken. In einer Gesellschaft, die säkular ist, reicht es nicht, von Gott zu erzählen, da geht es um Wahrnehmung, und zwar face-to-face: Wer ist der andere und warum ist der so?

Die Sprache des Glaubens ist oft Jahrtausende alt. Wie findet man Worte, die Menschen von heute wirklich berühren?

Wenn ich authentisch, ehrlich und erfahrungsgesättigt von meinem eigenen Leben mit Gott erzähle, dann ist es nicht gestelzt, sondern manchmal sehr basic, vielleicht sogar banal. Auch das ist die Sprache des Glaubens, und die verstehen die Menschen.

Was stärkt Ihren persönlichen Glauben in schwierigen Zeiten?

Das Vertrauen, dass ich von Gott nicht im Stich gelassen werde – das ist der Blick auf den Gekreuzigten. Gott bewahrt nicht vor dem Leid und schwierigen Situationen, sondern er führt durch die Dunkelheit hindurch zurück zum Licht. Wenn ich mein Leben regelmäßig reflektiere, kann ich in der Rückschau erkennen, dass ich in Krisen zwar gestrampelt habe und es schwierig war, aber mit diesem Vertrauen auch immer gestärkt hindurch gekommen bin. Der Blick zurück, die Frage, was mich gestärkt hat, macht mein Vertrauen für die Zukunft hin noch größer.

Wenn Sie an die Zukunft der Kirche denken – was macht Ihnen Hoffnung?

Die Bibel ist voller Weggeschichten Gottes mit seinem Volk – durch Krisen, Abbrüche und Veränderungen hindurch. Das Volk hat immer wieder erlebt und davon erzählt, wie Gott mitgeht. Wenn man in die Kirchengeschichte schaut, ist das wie ein roter Faden durch all die Jahrhunderte und Veränderungen hindurch. Wenn ich dann sehe, was uns heute an Herausforderungen bevorsteht, ist das sicherlich massiv, aber es ist nur ein kleiner Zeitabschnitt in dieser großen Geschichte. So bekomme ich eine weite Perspektive und erkenne, dass es mit dieser Vergangenheit auch eine Zukunft mit Gott gibt, auch wenn ich sie jetzt noch nicht erahne oder erkennen kann, wie sie konkret aussieht. Aber er hat immer eine Perspektive für uns, da bin ich ganz gewiss.

Sie sind nun eine Woche im Sauerland unterwegs – zwischen Kirchtürmen, Wäldern und vielen engagierten Menschen. Wie erleben Sie diese Region und ihre Gläubigen?

Nass, kalt und feucht. [Lacht] Ich erlebe das Sauerland mit einer wunderbaren Landschaft und einer Kulturlandschaft – nicht nur schöne, alte Kirchen, sondern auch ganz andere Orte, an denen ich unterwegs bin. Man hat mir gesagt, dass die Sauerländer sehr bodenständig sind, und das hat sich in den vielen Gesprächen genau so gezeigt. Das sind nicht nur Schön-Wetter-Gespräche, die Leute sagen, was sie denken, und das finde ich wirklich gut. Gestern hatte ich eine Begegnung mit Unternehmern, und mich hat sehr beeindruckt, dass die Region auf der einen Seite sehr traditionsverbunden und verwurzelt, aber auf der anderen Seite auch ganz unglaublich innovativ ist. Das funktioniert nur, wenn man ein klares Wertegerüst hat, und daher habe ich das Gefühl, dass im Sauerland – auch in gesellschaftlichen Zusammenhängen – noch funktioniert, was anderswo längst nicht mehr funktioniert. Das heißt nicht, dass das hier eine heile Welt ist, aber es gibt anscheinend eine ganz eigene Art, die Dinge anzupacken. Es wird kein großes Aufhebens gemacht, sondern es wird einfach angepackt und mitgemacht, und das habe ich heute Morgen auch bei dem Treffen mit den Ehrenamtlichen so erlebt.

Als der Erzbischof sich nach dem Gespräch verabschiedet, sind die Bänke der St.-Servatius-Kirche längst leer, doch draußen sprechen die Menschen über das Erlebte… Es war kein Interview mit großen Schlagworten, sondern eines, das nachklingt – leise, ehrlich, persönlich. Vielleicht ist es genau das, was seine Woche im Sauerland so besonders macht: Zuhören, wahrnehmen, ins Gespräch kommen. Und spüren, dass Glaube dort lebendig wird, wo Menschen sich wirklich begegnen – im Alltag, beim Wandern, beim Brunch, oder einfach zwischen zwei Tassen Kaffee mitten im Sauerland.

Erzbistum Paderborn, Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz, Domplatz 3, 33098 Paderborn

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Die Fotos mit Ausnahme des Titelbildes wurden mit freundlicher Unterstützung vom Erzbistum Paderborn (Fotograf: Besim Mazhiqi) zur Verfügung gestellt.

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