ODER: VIER SCHAUSPIELER, ZWEI WELTEN UND EIN SOMMER IN ELSPE…
Wenn du im Sauerland wohnst, denkst du beim Begriff „Theater“ vielleicht zuerst an knallende Colts, spektakuläre Stunts und Jean-Marc Birkholz als Winnetou auf der Bühne des „Elspe Festivals“!? Und genau da stehen wir nun, mit einem Besuch aus einer ganz anderen Theaterwelt. Aus einer, in der jahrzehntelang Tschechow, Shakespeare und die großen belarussischen Dramatiker auf dem Spielplan standen. Und in der Applaus nicht immer nur Kunst bedeutete, sondern manchmal auch Mut… Zoya Belochvostik und Alexander „Sasha“ Gartsuev sind zum ersten Mal im Sauerland. In Belarus standen sie jahrzehntelang auf der Bühne, spielten große Rollen, wurden gefeiert – bis das Regime ihnen das Leben als Künstler so schwer machte, dass es nicht mehr ging. Heute leben sie im Exil in Warschau. Ihre Tochter Valentina „Valia“ Hartsueva ist ebenfalls Schauspielerin, hat die Leidenschaft für die Bühne geerbt und hat eine ganz besondere Verbindung zum Sauerland, denn sie ist mit Jean-Marc verheiratet. Nun treffen also zwei Theaterwelten aufeinander – eine ziemlich besondere Familienbegegnung zwischen den Welten. Und ein Gespräch über Theater, neue Heimat und das, was wirklich zählt, wenn der Vorhang fällt:
Wir waren nicht bereit zu schweigen
Willkommen im Sauerland, Zoya und Alexander! Ihr seid zum ersten Mal hier – wie war euer erster Eindruck vom „Elspe Festival“ und der Region?
Zoya: Ich bin tatsächlich zum ersten Mal hier und bin überwältigt von den Landschaften, der Schönheit dieser traditionellen und zugleich modernen Gegend. Ich spüre darin Weisheit und Ruhe, eine Bodenständigkeit, die die Seele beruhigt und ausgleicht. Und nachdem ich das Stück „Winnetou und Old Firehand – Im Tal des Todes“ zum ersten Mal gesehen habe, fühle ich mich jünger, fast schon wie ein Teenager. Es ist eine enorme Energie des Guten, wie in den schönsten Märchen. Es ist die Hoffnung, dass das Gute das Böse besiegt, und daran glaube ich.
Sasha: Ich finde es gut, dass es sich um ein nationales Festival handelt, denn Literatur und Theater bringen die Nation zusammen. Es ist ein kulturelles Phänomen, von dem wir zuvor fast nichts wussten. Und ich habe noch nie in meinem Leben eine solche Show gesehen. Eine Kombination aus liebevoll gebauten Kulissen, natürlicher Landschaft, hervorragender Schauspielkunst, Regiearbeit und Spezialeffekten. Das Stück selbst ruft sehr positive Gefühle hervor, Gefühle der Verbundenheit zwischen den Menschen.

Ihr beide habt jahrzehntelang am Staatstheater „Janka Kupala“ in Minsk/Belarus gespielt und es zeitweise auch geleitet. Zoya, du warst zusätzlich Dozentin an der staatlichen Schauspielakademie, Sasha, du warst die letzten Jahre künstlerischer Leiter des „Belarussischen-Drama-Theaters”. Was bedeutet Theater für euch – persönlich und politisch?
Zoya: Für mich ist das Theater meine Lieblingsbeschäftigung, meine Lebensaufgabe, von der ich immer geträumt habe. Am besten fühle ich mich auf der Bühne, wenn ich meine Gefühle, meine Freude und meine komplexen Emotionen mit anderen teile. Ich habe mich immer voll und ganz dieser Aufgabe verschrieben, es interessiert mich, diesen Beruf näher zu erforschen. Ich habe mehr als 100 Rollen gespielt, aber ich bin immer noch nervös, bevor ich auf die Bühne gehe.
Sasha: Persönlich ist das Theater eine bewusste Entscheidung, einfach mein Lebensberuf. Politisch gesehen ist das Theater namens „Janka Kupala“ das wichtigste Theater des Landes, und dieses Theater hatte die Aufgabe, die belarussische Nation zu einen. Aber seit 2020 ist diese Tätigkeit unmöglich geworden, sie wurde praktisch verboten. Wir versuchen jetzt, diese Funktion des wichtigsten Theaters des Landes im Exil, in Warschau, aufrechtzuerhalten.

Wie habt ihr die Entscheidung erlebt, Belarus zu verlassen? Gab es einen bestimmten Moment, an dem klar war: Wir müssen gehen?
Zoya: Als wir aus Protest gegen die Repressionen und die Wahlfälschungen aus dem Theater ausgeschieden sind, hofften wir, dass wir unsere Tätigkeit in Belarus außerhalb einer staatlichen Einrichtung fortsetzen könnten. Das Goethe-Institut hat uns sehr unterstützt. Aber es wurde von Tag zu Tag gefährlicher. Polen hat uns geholfen, indem es uns zu Gastspielen eingeladen hat. Dort befanden wir uns gerade, als Russland die Ukraine angegriffen hat. Es wurde klar, dass wir nicht nach Hause zurückkehren konnten, weil man in Belarus für Solidarität mit der Ukraine ins Gefängnis kam. Und wir waren nicht bereit zu schweigen. So haben wir beschlossen, nicht nach Hause zurückzukehren.



Das Regime hat eure Theatergruppe als „extremistisch“ eingestuft – wie geht ihr mit dieser absurden, aber gefährlichen Bezeichnung um?
Sasha: Das war zu erwarten. Aber wir haben danach nicht aufgehört zu arbeiten, das ist kein Grund dafür. Und es wird niemals ein Grund sein, unseren Beruf aufzugeben. Aber die Türen nach Hause sind für uns verschlossen, denn das würde strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.
Zoya: Die talentiertesten und klügsten Köpfe von Belarus, auch Schriftsteller und Journalisten, wurden schon vor uns als Extremisten bezeichnet, und wir haben uns ihnen einfach angeschlossen. Und wir wussten, dass dies früher oder später passieren würde.
Sasha: Nach Beginn der Repressionen haben mehr als eine Million der neun Millionen Einwohner das Land verlassen, und das ist eine nationale Tragödie, denn die talentiertesten und unternehmungslustigsten Menschen haben das Land verlassen. Menschen, die lediglich ihre Ablehnung gegenüber der Situation im Land zum Ausdruck gebracht haben.
Valia: Von den belarussischen Behörden als „Extremist” anerkannt zu werden, ist also eher eine Auszeichnung, ein Zeichen für Qualität und ein Zeichen dafür, noch ein Gewissen zu haben.

Wie fühlt es sich an, in Warschau zu leben? Hat sich dort bereits eine neue künstlerische Heimat für euch aufgetan oder ist das noch ein weiter Weg?
Zoya: Warschau ist eine wunderbare Stadt, die unser Ensemble voll und ganz aufgenommen hat. Wir haben die Möglichkeit, Stücke zu entwickeln und aufzuführen, und werden von der polnischen Theatergemeinschaft unterstützt. Es gibt zwar technische Schwierigkeiten, aber dennoch haben wir ein großes Repertoire, und das Interesse der Belarussen an uns ist ungebrochen.

Ihr stammt beide aus Schauspielerfamilien und eure Tochter ist ebenfalls Künstlerin geworden. War das Theater bei euch zu Hause immer präsent?
Sasha: Wir sind eine Theaterdynastie, unsere Tochter Valentina ist die fünfte Generation. Alle unsere Interessen drehten sich immer um das Theater. Dabei haben wir Valia die Freiheit gelassen, ihre eigene Wahl zu treffen, haben ihr nie eine Richtung vorgegeben, sondern nur zugehört und geholfen. Wir haben nie daran gedacht, unseren Beruf aufzugeben oder wegzuziehen. Deshalb empfinden wir das, was jetzt geschieht, als eine Prüfung, die wir mit Sicherheit würdig bestehen werden.

Was bedeutet es für euch, hier in Elspe im Publikum zu sitzen – bei einem so anderen Theaterformat, in dem euer Schwiegersohn die Hauptrolle spielt?
Zoya: Für mich war es ein aufregender Moment, ich wartete auf das Erscheinen von Jean-Marc und war begeistert und stolz auf ihn. Er verfügt über ein hohes Maß an professioneller Schauspielkunst, Körperbeherrschung und Stimmgewalt. Er hinterlässt einen starken emotionalen Eindruck. Ich habe mich in diesem Stück völlig verloren.
Sasha: Es ist ein unglaubliches Glück, die Einheit mit der Familie, mit der deutschen Kultur.
Was wünscht ihr euch für die Zukunft – als Künstler, als Familie, als Exilierte?
Sascha: Als Erstes wünschen wir uns, dass Belarus wieder in die Familie der europäischen Völker zurückkehrt und dass wir dank der in Europa gesammelten Erfahrungen neue Impulse für die Entwicklung der belarussischen Theaterkunst geben können.
Zoya: Ich möchte mit meiner Familie in meine Heimat zurückkehren, damit wir die Möglichkeit haben, frei zu leben und zu reisen.

Valia, wenn du diese Worte deiner Eltern hörst, was macht das mit dir?
Valia: Ich bin wahnsinnig glücklich, dass sie wieder etwas wirklich beeindrucken und berühren kann. Die letzten Jahre waren voller Stress und Umbrüche, die Gefühle werden abgestumpft, so funktioniert jeder Schutzmechanismus. Jetzt sehe ich, dass das „Elspe Festival“ für sie wie ein Hauch frischer Luft ist. Und ich bin diesem schönen und guten Ort von ganzem Herzen dankbar. Ich glaube, dass wir nach Hause zurückkehren werden. Ich glaube, dass das „Elspe Festival“ für uns zu einer guten Tradition werden wird. Und wir werden alle zusammen von Minsk aus hierher reisen.

Du warst ja schon oft hier im Sauerland. Was bedeutet es dir, dass deine Eltern jetzt hier in Elspe zu Besuch sind?
Valia: Wir wollten schon lange, dass sie Elspe besuchen. Sie hatten nur eine vage Vorstellung davon, was es mit diesem Ort auf sich hat und was Jean-Marc hier macht. Und sie haben diese Größe, diese Einzigartigkeit, diese freundliche und gastfreundliche Atmosphäre überhaupt nicht erwartet. Aber das ist sehr wichtig für diejenigen, die ihr Zuhause verloren haben.

Am 15. August bringst du gemeinsam mit Jean-Marc im Rahmen des „Spirituellen Sommers“ im Kulturbahnhof Grevenbrück ein ganz besonderes Programm auf die Bühne. Was dürfen die Zuschauer erwarten?
Valia: Ich habe schon lange das Gefühl, dass es an der Zeit ist, unsere Geschichte zu erzählen. Ich möchte lustige und traurige Geschichten erzählen, über Belarus berichten und unserem Schmerz das Recht geben, für andere sichtbar zu werden. Denn das liegt in unseren Händen. Und deshalb kann dieser kleine Schritt wirklich vielen helfen.
Mit deiner Theatergruppe warst du schon auf deutschen Bühne mit Gastspielen unterwegs. Nun kommt ihr mit eurem eigenen Programm zurück. Wie fühlt sich das für dich an?
Valia: Ich bin wahnsinnig aufgeregt. Aber der Wunsch überwiegt die Unsicherheit. Ich bin bereit, ich bin reif dafür, meine persönliche Geschichte zu erzählen, ohne mich hinter einer Rolle und einem Kostüm zu verstecken. Ja, es ist nicht einfach, aber ich sehe großes Potenzial in dieser aufrichtigen Offenheit, in unserem wahren Ich.

Was hat es mit dem Titel „Sommersonnenwende“ auf sich?
Valia: In Belarus gibt es ein altes Fest namens „Kupala”, das mit der Sommersonnenwende und der Blüte der Natur verbunden ist. Janka Kupala, der Volksdichter von Belarus, nach dem unser Theater benannt ist, hat sich seinen Künstlernamen nach diesem Fest ausgesucht. In der Kupala-Nacht finden alle möglichen Rituale und Spiele statt, junge Leute springen über Lagerfeuer, flechten Kränze und tanzen im Kreis. Aber zu allen Zeiten hat mich der Mythos um die Farnblume am meisten fasziniert: Um Mitternacht blüht die Farnblume auf. Wer sie findet, erhält die Fähigkeit, in der Erde verborgene Schätze zu sehen und die Sprache der Tiere zu verstehen. Um sie zu finden, muss man nachts allein in den Wald gehen und sich so tief in das Dickicht begeben, dass man nichts mehr hört. Die Farnblume ist klein, leuchtet aber in der Dunkelheit hell. Ich glaube, dass wir dieses Licht auch unter den Menschen finden können. Und es möge am 15. August erstrahlen!

Genauso wie die Farnblume in der dunkelsten Nacht leuchtet, soll auch dieser Abend im „Kulturbahnhof Grevenbrück“ ein Licht sein – für das Theater, für die Wahrheit und für die Verbindung zwischen den Menschen. „Sommersonnenwende“ ist kein gewöhnlicher Theaterabend, sondern ein sehr persönliches Erzählen, ein Aufeinandertreffen zweier Welten und Generationen, ein Stück Mut und vielleicht sogar ein wenig Magie. Wenn du dabei sein möchtest, hast du gleich mehrere Möglichkeiten, dir ein Ticket zu sichern: Im „WieWoWatt“ in Altenhundem, bei der Touristinformation in Schmallenberg oder ganz unkompliziert an der Abendkasse. Komm vorbei, lass dich berühren und finde dein eigenes Stück Farnblume inmitten von Geschichten, Musik und großer Menschlichkeit! Und, sehen wir uns dort?
https://www.wege-zum-leben.com/spiritueller-sommer
https://www.instagram.com/valia_gartsuyeva/
https://www.facebook.com/profile.php?id=100010442312313
https://www.facebook.com/gartsuev
https://www.instagram.com/jeanmarcbirkholz/
https://www.jeanmarcbirkholz.de/
Die Bühnenfotos wurden mit freundlicher Unterstützung von Zoya Belochvostik und Alexander Gartsuev zur Verfügung gestellt.
