OFFENE PFORTEN IN DER „JVA ATTENDORN“

ODER: HINTER GITTERN LEUCHTET DIE ADVENTSZEIT…

Betonmauern, schwere Eisentüren, der Klang eines Schlüsselbundes – beim Gedanken an eine Justizvollzugsanstalt spürst du wahrscheinlich eher Enge als Wärme… Doch in der „JVA Attendorn“ weht in der Adventszeit ein ganz besonderer Wind! Hier verwandelt sich der graue Innenhof in einen adventlichen Marktplatz. Es duftet nach frisch gebackenen Plätzchen, leuchtende Lichterketten schmücken die sonst so strenge Umgebung, und du kannst handgefertigtes Holzspielzeug entdecken, das mit Sorgfalt und Geschick von den Inhaftierten gefertigt wurde. Wenn das nicht mal ein Grund ist, dich am kommenden Samstag auf den Weg nach Attendorn zu machen:

Arbeit als Therapie

Wie ich auf den ersten Satz der Einleitung gekommen bin? Na, weil es mir genauso ging. Es war schon ein leicht beklemmendes Gefühl, als ich mich an der Pforte des offenen Vollzugs meldete, meinen Personalausweis gegen einen Besucherausweis tauschte und mich plötzlich inmitten von blau-uniformierten Justizvollzugsbeamten wiederfand. Doch kaum hatte ich die Pressesprecherin Heike Wehr, den Betriebsleiter der Spielzeugwerkstatt Ludger Schröder und den Inhaftierten Benjamin Kluth kennengelernt und mit ihnen den Gutshof betreten, war dieses Gefühl wie weggeblasen. Hier in den alten Gemäuern des ehemaligen Klosters Ewig machte sich eine herzliche Wärme und fast schon adventliche Stimmung breit. Kein Wunder, schließlich steckt hinter den Kulissen eine beeindruckende Werkstatt, in der mit viel Sorgfalt gearbeitet wird…

Die Spielzeugwerkstatt teilt sich in eine klassische Arbeitstherapie und einen Produktionsbetrieb auf, Grenzen sind dabei bewusst durchlässig. Ziel ist es, den Inhaftierten Fähigkeiten für eine Erwerbstätigkeit nach der Entlassung zu vermitteln oder ihre bestehenden Kompetenzen zu fördern. Hier wird alles, vom Brett bis zum Endprodukt, direkt vor Ort gefertigt. Die Vorgehensweise? Quasi Malen nach Zahlen – aber in 3D! Die vorgefrästen Teile werden geschliffen, zusammengesetzt und lackiert – alles mit speichelfester Farbe, geprüft nach den strengen Spielzeugnormen. Und für die Feinarbeiten ist natürlich auch jede Menge Handarbeit gefragt!

Das Holz stammt übrigens aus Altenhundem, ausschließlich Sauerländer Lärche. Ein regionales, nachhaltiges Produkt mit Gütezeichen, das doppelt geprüft wird, um höchste Sicherheit und Qualität zu garantieren. Ganzjährig kannst du im Verkaufsraum „Die Spielzeugwerkstatt“ stöbern – mit Ritterburgen und Bauernhöfen, Schaukelpferden und Brettspielen ein echtes Paradies für Klein und Groß! Apropos klein: Du kannst hier wirklich schöne Sachen für kleines Geld bekommen, denn jeder soll sich Spielzeug leisten können – einen Gewinn zu erwirtschaften ist hier nicht das Ziel.

Doch bevor du nun direkt losstürmst, warte, im November legt der Verkaufsraum eine kleine Pause ein, und das aus gutem Grund:

Inmitten der Wichtelhütten

Dreißig Jahre lang fand jedes Jahr der große Adventsmarkt in der „JVA Attendorn“ statt, mit Corona war dann Schluss. Doch die Nachfrage war so groß, dass alle Beteiligten sich die Mühe gemacht haben, erstmals seit 2019 wieder die Pforten zu öffnen: Du bist herzlich zum Adventsmarkt mit Verkaufsausstellung am 30. November von 11 bis 18 Uhr eingeladen – der Eingang erfolgt über den Innenhof des Gutshofs.

Die Inhaftierten haben insgesamt 3200 Arbeitsstunden in die Vorbereitung gesteckt. Besonders beeindruckend: Die 14 handgefertigten Wichtelhütten, die den Markt zieren. Jede von ihnen wurde nach eigenen Plänen entworfen und in der Schreinerei gefertigt – echte Hingucker, auch wenn sie zur Deko gehören und leider nicht verkauft werden. Mein erster Impuls: Will ich haben! Und wenn es dir genauso geht, kleiner Tipp: Einfach mal nachfragen, vielleicht kannst du deine eigene Wichtelhütte in Auftrag geben…

Im rechten Flügel des Gutshofes findest du die große Ausstellung der Spielzeuge, der linke Flügel bietet liebevoll gestaltete Dekorationen und Nützliches für Haus und Garten – vom stabilen Stehtisch bis hin zu kunstvollen Holzblumen.

Draußen im Innenhof erwartet dich ein kleines Weihnachtsdorf mit externen Händlern. Die festliche Beleuchtung, ein Lichternetz, und Livemusik zwischen 13 und 14 Uhr schaffen eine stimmungsvolle Atmosphäre – natürlich ist auch für das leibliche Wohl gesorgt! Ein wichtiger Hinweis: Es wird ausschließlich Bargeld akzeptiert, und Reservierungen sind nicht möglich. Wenn du also ein Lieblingsstück entdeckt, solltest du schnell zugreifen – der Gang zum nächsten Geldautomaten könnte zu spät sein, denn jedes Teil ist ein Unikat und wird nur in Kleinserien gefertigt.

Falls du es am 30. November nicht schaffen solltest, lohnt sich auch der Gang über den Attendorner Weihnachtsmarkt: Vom 10. bis 15. Dezember wird die „JVA Attendorn“ mit einem Stand dort vertreten sein, anschließend öffnet der Verkaufsraum „Die Spielzeugwerkstatt“ auch wieder, damit du deine Last-Minute-Weihnachtsgeschenke bekommst…

Wie sich Weihnachten in der „JVA Attendorn“ anfühlt, kann ich dir nicht sagen. Aber ich bin sicher, dass es für Benjamin Kluth und seine Mitinhaftierten ein großes Geschenk sein wird, wenn du dich über ihre Arbeitsergebnisse freust. Denn dieser Adventsmarkt ist mehr als nur ein Markt. Er ist eine Gelegenheit, hinter die Mauern zu blicken, Vorurteile abzubauen und einen kleinen Beitrag zu leisten. Die Türen stehen offen – und hinter ihnen leuchtet die Adventszeit heller, als du es je erwartet hättest.

Justizvollzugsanstalt Attendorn, Biggeweg 5, 57439 Attendorn

https://www.jva-attendorn.nrw.de/aufgaben/arbeit_ausbildung/arbeitsbetriebe/at-holz/index.php

Das Foto vom Attendorner Weihnachtsmarkt wurde mit freundlicher Unterstützung von Heike Wehr zur Verfügung gestellt.

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