ODER: BIG IN LÜDENSCHEID…
Der Bautz ist wieder da! Ich kann dir sagen, es ist nicht leicht, dieses doch etwas mürrische und vor allem sehr skeptische Wesen tief aus den Sauerländer Wäldern hervorzulocken. Dazu muss man ihn nämlich erstmal wecken, und dafür braucht es jede Menge Bass. Für die Veranstalter vom „Bautz Festival“ kein Problem, denn ihnen ist es wieder einmal gelungen, für dieses Wochenende ein hochkarätiges Line-up ins Lüdenscheider Stadion Nattenberg zu holen. Mit dabei sind zum Beispiel die Guano Apes – der Drummer Dennis Poschwatta und der Gitarrist Henning Rümenapp haben mir verraten, wie sehr sie sich auf ihren Auftritt freuen:
Es war ein Leben auf der Überholspur
Kaum zu glauben, aber ihr feiert in diesem Jahr 30 Jahre Guano Apes. Wie kam es damals zur Gründung der Band, kanntet ihr euch schon vorher?
Dennis: Mit unserem heutigen Bassisten Stefan hatte ich schon zu Schulzeiten eine Kinder-Fun-Punkband, wir haben uns dann aufgelöst, und zu dem Zeitpunkt habe ich Henning kennengelernt. Wir haben dann zusammen Musik gemacht, später kam auch Stefan wieder hinzu, wir waren dann also als Trio unterwegs. Wir waren eigentlich eine echte Schülerband, kannten uns zumindest alle aus der Schule. Das war direkt Anfang der 90er Jahre… Henning und ich haben auch versucht, zu singen, aber das war eher ein Rufen, und deswegen waren wir auch total froh, als wir 1994 Sandra kennengelernt haben. Die hat uns im Proberaum echt weggefetzt, das war dann der Start der Bandgeschichte mit der heutigen Besetzung!

Der Durchbruch ließ nicht allzu lange auf sich warten: Das 1997 erschienene Album „Proud Like a God“ wurde zu einem der erfolgreichsten Debut-Alben aller Zeiten, die Songs „Open Your Eyes“ und „Lords of the boards“ stürmten die Charts. Wie hat sich das damals für euch angefühlt?
Henning: Eigentlich nicht viel anders als heute… Wir stehen seit 30 Jahren mit diesen Songs auf der Bühne, sind international damit unterwegs, die Leute singen diese Songs mit – das ist echt Wahnsinn. Das sind Sachen, die wir damals für uns im Proberaum gemacht haben, und vor zwei Wochen standen wir damit in Polen vor knapp 280.000 Menschen, das ist toll, einfach unbeschreiblich. Und genauso war es auch damals: Wir haben schon immer viel live gespielt und wollten einfach unsere Musik machen, plötzlich hatten wir eine Plattenfirma und eine Booking-Agentur. Dann sind wir mit einem Sprinter gestartet, sind durch Jugendzentren getourt. Zwei Monate ging das so, und dann ging das Album durch die Decke, dann wurden auch die Konzerte immer größer und immer öfter. Zu Weihnachten waren wir mal kurz zuhause, und dann ging es direkt weiter, wir hatten dann einen richtigen Tourbus, haben uns dann auf der Bühne bei „Rock am Ring“ wiedergefunden. Wir waren ständig unterwegs, das hat riesigen Spaß gemacht, war aber auch harte Arbeit.
Dennis: Ja, das war ein Leben auf der Überholspur, der Wagen wurde immer schneller, ging immer weiter Richtung Mars, da war es schon schwer, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Das ist jetzt einfacher geworden, wir haben jetzt so eine Art Altersweisheit bekommen, schauen, was wir uns aufhalsen und was wir leisten können und wollen. Deswegen zieht sich unsere Tour, die jetzt im Herbst auch ansteht, auch über drei Monate, damit es sich für uns nicht wie ein Downhill-Race anfühlt. Wir wollen nicht, dass die Sachen einfach an uns vorbeiziehen, wir wollen das alles wahrnehmen, was passiert. Da ist eine gewisse Ruhe bei uns eingekehrt.
Wie würdet ihr eure musikalische Entwicklung seit dieser Zeit beschreiben?
Henning: Wir haben versucht, uns für uns selbst weiterzuentwickeln, und haben ein paar Sachen ausprobiert. Manches ist gut angekommen, manches auch nicht, aber das gehört dazu. Es ist wichtig, dass wir Musik machen, die uns selbst begeistert. Nicht alle Songs müssen absolute Knaller werden, aber immer nur auf der Stelle zu treten, das wäre nicht der richtige Weg, das wollen wir vermeiden.
Wie entstehen bei euch normalerweise neue Songs? Habt ihr einen bestimmten kreativen Prozess?
Dennis: Früher sind Songs immer im Proberaum entstanden, meistens beim Jammen, alle vier saßen zusammen, und plötzlich hatte jemand eine Idee. Wir haben uns gegenseitig inspiriert, mussten uns das dann auch merken, denn wir hatten noch nicht die Möglichkeit, das mitzuschneiden. In den Anfangszeiten haben wir uns drei, vier Mal die Woche getroffen und geprobt, dabei haben sich dann auch die Songs entwickelt. Es gab Konstellationen, da haben Henning und Stefan Songs geschrieben, oder Sandra und ich, dann haben wir drei Jungs auch mal etwas gemacht, und Sandra hat die Vocals draufgesetzt… Wir haben aber gemerkt, dass das so nicht mehr so richtig funktioniert, und deswegen planen wir, uns im nächsten Jahr mal eine Woche gemeinsam einzuschließen, irgendwo hinzufahren, wo uns nichts ablenkt, und zusammen Musik zu machen. Vielleicht entsteht dabei etwas Neues, vielleicht auch nicht, wir werden sehen…

Gibt es einen Song in eurer Diskografie, der für euch eine besondere persönliche Bedeutung hat? Wenn ja, warum?
Dennis: Bei mir ist das „Like somebody“, den spiele ich live total gerne, weil der sehr viel Energie hat, die Taktart wechselt und sehr epochal wird. Das ist für mich immer ein echtes Highlight!
Henning: Ich finde das total schwierig, mich da festzulegen. Wir haben so viele Songs über die Jahre geschrieben, mit vielen davon verbinde ich persönliche Erinnerungen, ob das nun das Songwriting oder die Studiozeit ist, davon möchte ich keinen missen.
Henning, als Produzent, Dozent, Coach und Mitglied der „Musikkommission des Landes Niedersachsen“ stehst du auch auf der anderen Seite. Welchen Ratschlag würdest du jungen Bands geben, die heute in die Musikszene einsteigen wollen?
Henning: Lasst es sein, lernt etwas Ordentliches! [lacht] Nee, im Ernst: Wir reden aus einer privilegierten Situation heraus, als eine Band, die seit 30 Jahren erfolgreich unterwegs ist, aber wenn ich mir die Zeiten heute anschaue, ist das echt schwer. Damals brauchte man eine Plattenfirma – wir machten die Musik, und die den Rest. Heutzutage wird da einfach schon eine Menge erwartet, Marketing, Social Media, das ist eine echte Herausforderung! Trotzdem möchte ich – und Dennis ja auch – jungen Bands mit Rat und Tat zur Seite stehen. Wir haben damals auch viel Lehrgeld bezahlt, und diese Erfahrungen geben wir gerne weiter. Mein wichtigster Rat wäre also: Baut euch ein Netzwerk von Leuten auf, die schon eine gewisse Erfahrung in dem Business haben, und euch mit ihrer Expertise unterstützen können.
Welche Künstler oder Bands haben euch am meisten beeinflusst, sowohl früher als auch heute?
Dennis: Ein großer Einfluss kam von den „Stone Temple Pilots“ – da kann ich auch für uns alle sprechen. Und dann natürlich auch „Rage Against the Machine“, wir drei Jungs sind schon auch aus der Grunge-Zeit beeinflusst. Sandra hat auch einen Anteil aus dem Hip-Hop eingebracht, „Public Enemy“ und solche Sachen, war aber auch ein großer Fan von „Sound Garden“ mit einer ordentlichen Portion Rock. Eine bunte Mischung eben…
Henning: Den größten Einfluss auf meine musikalische Entwicklung hat für mich tatsächlich unsere Band gehabt. Zusammen Dinge auszuprobieren, meine eigenen oder die Ideen von den anderen umzusetzen, das hat mich absolut voran gebracht. Wenn wir uns demnächst wieder zusammensetzen, wird bestimmt auch ein großer Teil darin bestehen, Musik zu hören, zu schauen, was die anderen gerade begeistert, dieses breite Spektrum zusammenzubringen und unsere eigene Handschrift zu entwickeln.
In ein paar Stunden steht ihr hier beim „Bautz Festival“ auf der Bühne. Wie bereitet ihr euch auf Live-Auftritte vor, und was ist das Wichtigste, um das Publikum mitzureißen?
Dennis: Die Vorbereitung ist, nicht durchzudrehen. [lacht] Wir sind schon seit heute Morgen hier und treten erst um viertel vor Elf auf, da muss man schauen, dass man die Spannung aufrecht erhält und sich fokussiert.
Henning: Sandra macht in ihrem Container die Box an und singt sich warm, wir anderen treffen uns dann so eine knappe Stunde vor dem Auftritt, ziehen uns um, hören Musik. Wenn wir auf die Bühne gehen, stellen wir uns zusammen in einem Kreis auf und treten uns auf die Füße; der, der unten steht, muss die Show rocken. Hört sich doof an, ist aber so! Und dann geht´s los…

Wart ihr jemals zuvor im Sauerland?
Dennis: Wir waren gefühlt schon überall, aber im Sauerland ist das heute eine echte Premiere für uns. Glaube ich zumindest, denn wenn man so viel rumkommt, ist es schwer, den Überblick zu behalten. Aber in Lüdenscheid sind wir wirklich zum ersten Mal, und wir freuen uns sehr! Wir sind heute Morgen an „Siku“ vorbeigefahren, ich wusste gar nicht, dass das hier ist – offensichtlich hat das Sauerland eine Menge zu bieten!
Henning: Ich war auch echt begeistert, als wir hier angekommen sind. Das Gelände rund um das Stadion, das ganze Konzept, das ist schon echt toll gemacht. Was hier auf die Beine gestellt wird, ist bestimmt auch wichtig für die ganze Region. So taucht man dann auch für Leute, die das bisher nicht kannten, auf der Landkarte auf.
Gibt es eine Botschaft, die ihr euren Fans mit auf den Weg geben möchtet?
Henning: Wir sind ab Ende September auf Tournee und würden uns freuen, wenn wir uns da sehen!
Dennis: Das ist doch jetzt echt fies, ist doch fast alles ausverkauft. Naja, für Saarbrücken und Barcelona gibt´s noch ein paar Karten, aber ist das nicht zu weit weg vom Sauerland!?
Henning: Was ich unbedingt noch sagen möchte – vielen Dank für eure Treue! Ich bin überwältigt, dass wir nach so langer Zeit noch spielen dürfen und die Leute sich freuen, uns zu sehen! Bleibt neugierig und verrückt, tragt Liebe nach draußen, das ist so wichtig in dieser Zeit. Wir sind immer eine unpolitische Band gewesen, aber wir freuen uns, dass wir hier zusammen sein dürfen, mit der Musik eine gemeinsame Sprache sprechen, egal, woher wir kommen und wer wir sind!
Du hast es gehört, es gibt noch ein paar Restkarten für die „Free the monkey Tour 2024“… Und der Bautz wird auch heute wieder geweckt, für Kurzentschlossene gibt es auch ganz spontan noch Tickets. Lass es krachen!
Stadion Nattenberg, Am Nattenberg 3 58515 Lüdenscheid
https://www.instagram.com/bautzfestival/
https://www.instagram.com/guanoapes.official/
Das Foto der gesamten Band wurde mit freundlicher Unterstützung von den Guano Apes (Fotografin: Birte Filmer) zur Verfügung gestellt.
